AKK und die Werk­statt­ge­sprä­che: Rück­kehr der Ver­nunft in die Po­li­tik?

Auf­ar­bei­tung und neue Per­spek­ti­ven? Bo­nus: Drei Bei­spie­le für Lö­sun­gen!

Heu­te und mor­gen fin­den die von An­ne­gret Kramp- Kar­ren­bau­er (AKK) in­iti­ier­ten Werk­statt­ge­sprä­che der Uni­on zu Ver­gan­gen­heit, Ge­gen­wart und Zu­kunft von Mi­gra­ti­on, Si­cher­heit und In­te­gra­ti­on statt.

Die im ver­gan­ge­nen De­zem­ber neu ge­wähl­ten CDU- Par­tei­vor­sit­zen­de gilt als Ver­trau­te Mer­kels und hat dem Ver­neh­men nach die Flücht­lings­po­li­tik der Kanz­le­rin weit­ge­hend mit­ge­tra­gen. Als Mi­nis­ter­prä­si­den­tin im Saar­land ka­men sie und vor al­lem ihr In­nen­mi­nis­ter Klaus Bouil­lon, der die Si­tua­ti­on im Herbst 2015 mit deut­li­chen Wor­ten schil­der­te, aber auch mit den Fol­gen die­ser Po­li­tik haut­nah in Be­rüh­rung und hat­ten da­her reich­lich Ge­le­gen­heit, Pro­blem­be­wusst­sein zu ent­wi­ckeln und ih­re Schlüs­se dar­aus zu zie­hen. Nun muss AKK als de­si­gnier­te Kanz­ler­kan­di­da­tin der CDU Far­be be­ken­nen und Lö­sungs­vor­schlä­ge prä­sen­tie­ren.

Der Saar­län­di­sche In­nen­mi­nis­ter Klaus Bouil­lon im Ok­to­ber 2015 zur La­ge in der Flücht­lings­kri­se (4:04 min)

Kramp- Kar­ren­bau­er wird eben­so wie zu Be­ginn ih­rer Kar­rie­re ih­re Vor­gän­ge­rin ger­ne un­ter­schätzt. Da­bei deu­ten die Wahl­er­fol­ge im Saar­land dar­auf hin, dass die 3-fa­che Mut­ter an­ders als die zu­neh­mend als schein­hei­lig und dem All­tag der Men­schen ent­rückt wahr­ge­nom­me­ne Ge­sin­nungs­ethi­ke­rin Mer­kel durch­aus Prag­ma­ti­ke­rin ist und prak­ti­sche Po­li­tik kann. Wenn sie die rich­ti­gen Leu­te um sich schart und die rich­ti­gen Bünd­nis­se ein­geht, ist der saar­län­di­schen Re­al­po­li­ti­ke­rin al­so in je­dem Fal­le mehr zu­zu­trau­en als ih­rer Vor­gän­ge­rin.

Doch um ver­ant­wor­tungs­ethi­sche Po­li­tik in die Pra­xis um­set­zen zu kön­nen hat sie bis­lang noch das fal­sche Amt. Der Pro­blem­bär Mer­kel ist schon jetzt ei­ne Be­las­tung für sie. Je ra­scher AKK sich von Hy­per­mo­ral und In­kom­pe­tenz eman­zi­piert, die im Kanz­ler­amt thront und nicht lie­fert, des­to eher kann sie et­was be­wir­ken. Doch wie will sie das an­stel­len? – Links: Mer­kels Asyl­po­li­tik auf­ar­bei­ten? Für AKK hoch­ris­kant (Welt) | Chro­nik ei­nes Staats­ver­sa­gens (neu­land) | Si­cher­heits­ex­per­ten ent­setzt über deut­sche Po­li­tik (Welt) | Ethi­scher Rea­lis­mus und Mi­gra­ti­on (Zwie­denk)

Drei Bei­spie­le, wie es rich­tig geht

Die Pro­ble­me mit der Mi­gra­ti­on sind zu kom­plex und das Aus­sit­zen à la Mer­kel da­her al­ter­na­tiv­los? Al­ter­na­ti­ve Lö­sun­gen sind ent­we­der zu ein­fach oder zu po­pu­lis­tisch? Po­si­ti­ve Bei­spie­le, wie man es bes­ser oder so­gar rich­tig macht, gibt es nicht? Von we­gen: Man muss nur mal den Blick über die Gren­ze schwei­fen las­sen:

Fe­lix Aus­tria: Ver­ant­wor­tung statt Ge­sin­nung

Tief im Sü­den, gleich hin­ter den sie­ben Ber­gen im schö­nen Ös­ter­reich, tut sich was. Wäh­rend hier­zu­lan­de noch Ge­sin­nungs­ethik und der Pa­thos des Ab­so­lu­ten re­gie­ren und die me­dia­le Putz­trup­pe der Kanz­le­rin mit so­zi­al­po­li­ti­schen Trost­pfläs­ter­chen und iden­ti­täts­po­li­ti­schen Ab­len­kungs­ma­nö­vern das Land je­den Tag ein biss­chen tie­fer ins Cha­os stürzt, ist in fe­lix Aus­tria ein jun­ger Kanz­ler schon seit ei­nem Jahr da­bei, den Scher­ben­hau­fen und die Ver­wer­fun­gen, den die von al­ler his­to­ri­schen Er­fah­rung und Le­bens­weis­heit be­frei­ten Phan­to­me und Vi­sio­nen der deut­schen Kanz­le­rin in wei­ten Tei­len Eu­ro­pas an­ge­rich­tet ha­ben, ab­zu­tra­gen und auf­zu­ar­bei­ten und sein Land für die Ge­gen­wart fit zu ma­chen und für die Zu­kunft so­li­de auf­zu­stel­len.

Das Kon­zept von Kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz ist sim­pel: Nicht mehr Mi­gran­ten auf­neh­men, als das Land in­te­grie­ren kann, Vor­rang für Hil­fe vor Ort ge­gen­über un­ge­re­gel­ter Mi­gra­ti­on, ei­nen si­che­ren Schutz der Au­ßen­gren­zen ge­währ­leis­ten, da­mit die auf­neh­men­de Ge­sell­schaft ent­schei­det, wer kommt und wer nicht. In Sa­chen In­te­gra­ti­on gilt: Wer et­was neh­men will, muss et­was ge­ben, wer blei­ben will, muss sei­nen Teil bei­tra­gen und wer ei­ne Ex­tra­wurst ha­ben will, be­kommt sie nicht. Und da Ös­ter­reich ger­ne Herr im ei­ge­nen Hau­se blei­ben möch­te, ist es auch dem ein­sei­ti­gen Mi­gra­tions­pakt gar nicht erst bei­ge­tre­ten.

Se­bas­ti­an Kurz: Auf schma­lem Grat (ARD Do­ku, 44:20 min)

Mit ei­ner sol­chen Po­li­tik kann sich Se­bas­ti­an Kurz im Ge­gen­satz zu vie­len an­de­ren Volks­par­tei­en in Eu­ro­pa auf ei­ne brei­te und so­gar wach­sen­de Mehr­heit in der Be­völ­ke­rung stüt­zen. Ei­ne glaub­wür­di­ge Po­li­tik auf Ba­sis von Ver­ant­wor­tungs­ethik kann auch dann noch die Men­schen über­zeu­gen, wenn sie vom von Fi­nanz­in­ves­to­ren über NGOs ge­spon­ser­ten neu­links- neo­li­be­ra­len La­ger als (Rechts-) Po­pu­lis­mus dis­kre­di­tiert wird. – Link: Se­bas­ti­an Kurz: Auf schma­lem Grat (Sto­ry im Ers­ten, ARD)

Wie das ‘Rus­si­sche Rou­let­te’ im Mit­tel­meer be­en­det wer­den kann

Die Flücht­lings­po­li­tik braucht Re­for­men: Auch für das Ge­sche­hen im Mit­tel­meer gibt es ei­ne ein­fa­che Lö­sung: Der bri­ti­sche Öko­nom und Mi­gra­ti­ons­ex­per­te Paul Col­lier schlägt vor, Ein­wan­de­rer, die Eu­ro­pa il­le­gal er­rei­chen, in die Hei­mat zu­rück­zu­schi­cken. Nur so kön­ne Schlep­per­ban­den das Hand­werk ge­legt wer­den.

Paul Col­lier: Die Flücht­lings­po­li­tik braucht Re­for­men (5:35 min)

Statt des­sen for­dert Col­lier EIN Ein­wan­de­rungs­sys­tem für ganz Eu­ro­pa, mit kla­ren Re­geln, Quo­ten und An­lauf­stel­len für An­trä­ge in den Her­kunfts­län­dern. Den äm­s­ten Län­dern der Welt sol­le end­lich so ge­hol­fen wer­den, dass Aus­wan­de­rung dort kein The­ma mehr sei. Asyl sol­le es nur für die ge­ben, die po­li­tisch, ras­sisch oder re­li­gi­ös ver­folgt wer­den. Es ge­he nicht um die Fra­ge, ob Mi­gra­ti­on gut sei oder nicht gut, son­dern um die Fra­ge, wie­viel Mi­gra­ti­on für ei­ne Ge­sell­schaft Sinn ma­che. – Links: Wis­sen­schaft­ler und Ex­per­ten kri­ti­sie­ren deut­sche Will­kom­mens­kul­tur (Zwie­denk) | Sturm auf Eu­ro­pa (Schel­men­streich)

In­te­gra­ti­on: Ge­ben & Neh­men, kla­re Re­geln, Frei­wil­lig­keit

Jörg Schel­ler, der Zü­ri­cher Do­zent für Kunst­ge­schich­te und Kul­tur­theo­rie, lehnt Zwang und Ge­walt bei der In­te­gra­ti­on ab und for­dert Frei­wil­lig­keit, aber auch Fair­ness, Ge­ben & Neh­men und ein Be­kennt­nis zu und die Durch­set­zung von kla­ren Re­geln und ge­mein­sa­men Grund­über­zeu­gun­gen im ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­le­ben. Nicht top- down mit List und Tü­cke oder gar mit der Brech­stan­ge ver­ord­net kön­ne in­ter­kul­tu­rel­les Zu­sam­men­le­ben ge­lin­gen und zu ei­nem ‘win- win’  für al­le wer­den, son­dern nur bot­tom- up auf Ba­sis von Frei­wil­lig­keit je nach in­di­vi­du­el­ler Nei­gung und per­sön­li­chem Be­darf. Mit an­de­ren Wor­ten: Das ge­naue Ge­gen­teil der ak­tu­el­len Po­li­tik, die Zu­wan­de­rung in die So­zi­al­sys­te­me or­ga­ni­siert und mit Mah­nun­gen an ver­gan­ge­ne Schuld und Ap­pel­len an ei­ne ima­gi­nier­te Pflicht die Mit­wir­kung der Bür­ger er­zwin­gen will. – Link: Eth­no-Dis­kurs und Kul­tur­theo­rie: Fair­ness in der Viel­falt (DLF | E)

Ähn­li­che Po­si­tio­nen ver­tritt auch der Tü­bin­ger OB Bo­ris Pal­mer, der Mi­gra­ti­on auf­ge­schlos­sen ge­gen­über steht, aber kom­pro­miss­los Ge­set­zes­treue und ei­nen po­si­ti­ven ge­sell­schaft­li­chen Bei­trag der­je­ni­gen ein­for­dert, die ih­rer­seits Leis­tun­gen der Ge­sell­schaft in An­spruch neh­men. Leis­tung müs­se be­lohnt und Fehl­ver­hal­ten zum Schutz der Bür­ger nicht nur im Nach­hin­ein ge­ahn­det, son­dern be­reits im Vor­feld un­ter­bun­den wer­den. – Link: Of­fe­ner Brief von Bo­ris Pal­mer an die Bun­des­kanz­le­rin (Zwie­denk)

Link:
Werk­statt­ge­spräch: Prak­ti­ker ver­zwei­feln an Ex­per­ten (Welt)
Live­stream Werk­statt­ge­spräch, 10.02.2019 ab 19:00 Uhr (CDU)

Up­date: Hier das Werk­statt­ge­spräch vom 10.02.2019

CDU- Werk­statt­ge­spräch Mi­gra­ti­on mit den Ex­per­ten Chris­ti­an Hill­gru­ber, Eg­bert Jahn, Ge­rald Knaus und Da­ni­el Thym un­ter der Lei­tung von An­ge­la Elis.

Ti­tel­bild:
Jons­kon­line [CC BY-SA 3.0], from Wi­ki­me­dia Com­mons

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