An­schlag auf AfD- MdB Frank Ma­gnitz: Ver­gif­te­te Be­trof­fen­heit, klamm­heim­li­ches Ver­ständ­nis

[Au­tor: Da­ni­el Ma­tis­sek] Die al­ler­meis­ten State­ments zur fei­gen At­ta­cke auf Bre­mens AfD-Chef Frank Ma­gnitz sind an Zy­nis­mus und sub­li­mer Hä­me kaum zu über­bie­ten. Was hier durch­weg zu le­sen ist, sind ver­gif­te­te Be­trof­fen­heits­be­kun­dun­gen. Und das aus ih­nen trie­fen­de Gift ist das­sel­be, das seit lan­gem ins Volk ge­träu­felt wird. So wur­de über­haupt erst das Kli­ma er­zeugt, das der­ar­ti­ge Ge­walt­ak­te wie­der mög­lich ge­macht hat.

Der ein­hel­li­ge Te­nor lau­tet näm­lich sinn­ge­mäß: Es tut uns na­tür­lich leid, wir sind scho­ckiert – aber ei­gent­lich hat es nicht den Fal­schen ge­trof­fen. Die gern ge­äu­ßer­te Phra­se von der „schar­fen Ver­ur­tei­lung von Ge­walt“ mu­tet in die­sem Kon­text ge­ra­de­zu an, als wür­den die­se heh­ren Ver­fech­ter des Rechts­staats ei­nen Akt von Not­wehr oder Selbst­jus­tiz zwar kri­ti­sie­ren – des­sen Mo­tiv aber gleich­wohl mit­füh­lend bis wohl­wol­lend an­er­ken­nen. Es ist die­sel­be Hal­tung, wie wenn zum Bei­spiel ein Kin­der­schän­der von Op­fer­an­ge­hö­ri­gen ge­tö­tet oder ein Tier­quä­ler ge­lyncht wird: In sol­chen Fäl­len wird zwar auch der Bruch rechts­staat­li­cher Nor­men und des staat­li­chen Ge­walt­mo­no­pols „scharf ver­ur­teilt“, doch ei­gent­lich wird der An­satz, die Tä­ter zur Re­chen­schaft zu zie­hen, un­be­streit­bar für völ­lig rich­tig, für mo­ra­lisch le­gi­tim ge­hal­ten. Und ein „Tä­ter“ war auch Ma­gnitz für all je­ne, die jetzt Be­stür­zung heu­cheln; denn „rechts“ zu sein, da­zu noch in der AfD: Das al­lei­ne ist für die De­mo­kra­tur-Ver­fech­ter be­reits Schuld ge­nug. Selbst in ih­rer Di­stan­zie­rung von der Ge­walt­tat re­pro­du­zie­ren sie noch ih­re Vor­tei­le – ob­wohl obers­tes We­sens­ele­ment des Rechts­staats, den sie be­schwö­ren, das Pri­mat von Ur­tei­len über Vor­ur­tei­le ist.

Vi­deo vom Tat­her­gang (Po­li­zei Bre­men | Er­satz­link | CC-Li­zenz)

Über­all ist – zum Teil nur un­ter­schwel­lig, zum Teil auch ganz of­fen – die un­ge­heu­er­li­che Über­zeu­gung her­aus­zu­le­sen, letzt­lich sei der Hass, der hier in ag­gres­si­ver Wei­se auf Ma­gnitz zu­rück­ge­fal­len sei, die lo­gi­sche Kon­se­quenz sei­ner Welt­an­schau­ung, und folg­lich nur ei­ne an­de­re Er­schei­nungs­form des „Has­ses“, den „die AfD“ an­geb­lich tag­täg­lich schürt. Cem Öz­de­mir schreibt, es sei falsch „Hass mit Hass“ zu be­kämp­fen. So wird die Kau­sa­li­tät gleich her­um­ge­dreht: Es war Ma­gnitz selbst, der mit sei­nen Par­tei­ge­nos­sen zu­erst „ge­hasst“ hat. Die AfD, so wird selbst noch im An­ge­sicht des halb­tot ge­schla­ge­nen Ma­gnitz be­tont, be­steht aus „Fein­den der De­mo­kra­tie“, aus „Ras­sis­ten“, aus „Na­zis“. Der Wey­he­ner SPD-Bür­ger­meis­ter An­dre­as Bo­ven­schul­te twit­ter­te heu­te schein­hei­lig: „Das Recht auf kör­per­li­che Un­ver­sehrt­heit gilt aus­nahms­los – auch für die Geg­ner der frei­heit­li­chen De­mo­kra­tie“; ein bo­den­lo­ser Sei­ten­hieb auf das Op­fer, auf das da­durch im Prin­zip noch­mals ein­ge­tre­ten wird. In die­sel­be Ker­be schlug heu­te auch die Frank­fur­ter Rund­schau: „Die #AfD zu be­kämp­fen ist für frei­heit­lich den­ken­de Men­schen ei­ne de­mo­kra­ti­sche Pflicht“ (s.u. Links). Dies war, wohl­ge­merkt, die Re­ak­ti­on der Zei­tung auf den ge­ra­de ver­mel­de­ten An­schlag. Wie sich zeig­te, ist die Wahl der Mit­tel ist in die­sem „Kampf“ eher zweit­ran­gig; heu­te fiel sie eben mal blu­tig aus.

Cem Öz­de­mirs (Bünd­nis 90/​Die Grü­nen) von der Uni Tü­bin­gen prä­mier­te (!) ‘Re­de des Jah­res 2018′  an­läss­lich der von der AfD in­iti­ier­ten Par­la­ments­de­bat­te zu dem Ar­ti­kel ‘Su­per, Deutsch­land schafft sich ab’ von Deniz Yüc­sel in der taz

Man kann die AfD ja aus gu­ten Grün­den ab­leh­nen; doch sie als „Fein­de der frei­heit­li­chen De­mo­kra­tie“ zu ti­tu­lie­ren, ist ei­ne un­er­hör­te Un­ter­stel­lung. Es ist Het­ze, die den nächs­ten Über­grif­fen be­reits den Bo­den be­rei­tet . Denn wel­cher Links­ex­tre­mist wür­de sich ins­ge­heim für sein schä­bi­ges Tun nicht noch ge­schmei­chelt füh­len, wenn ihm Ver­tre­ter der eta­blier­ten Par­tei­en im Nach­hin­ein qua­si amt­lich kon­ze­die­ren, er ha­be hier ei­nen „Feind der De­mo­kra­tie“ mit dem Kant­holz auf die In­ten­siv­sta­ti­on ge­prü­gelt? Das Dau­er­tre­mo­lo die­ser Het­ze ge­gen ei­ne de­mo­kra­tisch ver­fass­te, ih­rem Pro­gramm nach un­strei­tig auf dem Bo­den des Grund­ge­set­zes ste­hen­de Par­tei, die trotz im­mer wie­der er­folg­rei­cher, durch­aus be­denk­li­cher rechts­ex­tre­mer In­fil­tra­ti­ons­ver­su­che für ein knap­pes Fünf­tel des Wahl­volks spricht, hat längst be­ängs­ti­gen­de Aus­ma­ße an­ge­nom­men. Als ech­ter De­mo­krat wird man so ge­ra­de­zu in die Rol­le ei­nes Apo­lo­ge­ten die­ser Par­tei ge­zwun­gen, an der es durch­aus et­li­ches zu kri­ti­sie­ren und aus­zu­set­zen gibt, die so­gar aus gu­tem Grund für vie­le bür­ger­lich-li­be­ra­le Men­schen, trotz ver­nünf­ti­ger An­sät­ze, un­wähl­bar ist. Aber die AfD ist auf je­den Fall ei­nes: Le­gi­ti­mer Teil des po­li­ti­schen Spek­trums. Und die­ses Spek­trum darf eben nicht nur aus „50 Shades of Red“, aus lin­ken bis links­ex­tre­men Kräf­ten be­stehen, so wie man sich das in Deutsch­land vor­stellt.

Des­halb ver­dient die AfD, ver­die­nen ih­re Funk­tio­nä­re den­sel­ben de­mo­kra­ti­schen Re­spekt wie je­de an­de­re Par­tei. Aber die­ser Re­spekt wird ihr ver­wehrt – üb­ri­gens nicht erst seit dem heu­ti­gen An­griff, nicht erst seit der dut­zend­fa­chen Ab­fa­cke­lung ih­rer Wahl­kampf­stän­de und Fahr­zeu­ge, seit schon frü­he­ren Prü­gel­at­ta­cken auf ih­re Spit­zen­kan­di­da­ten (wie Uwe Jun­ge in Rhein­land-Pfalz). Schlim­mer noch: Die Ver­ächt­lich­ma­chung, die maß­los ent­grenz­te Hys­te­rie im Um­gang mit der AfD als an­geb­li­che Wie­der­auf­er­ste­hung von Fa­schis­mus und Frem­den­feind­lich­keit hat ih­re Mit­glie­der zu Vo­gel­frei­en, zu Aus­sät­zi­gen ge­macht; sie wie Luft zu be­han­deln, ih­re Ge­schäf­te zu boy­kot­tie­ren, sie aus Lo­ka­len und Ver­an­stal­tun­gen zu wer­fen, ih­re Kin­der nicht an Schu­len auf­zu­neh­men oder ih­nen den Zu­tritt zu Ver­kehrs­mit­teln zu ver­weh­ren, zählt längst zum gu­ten Ton und gilt als hel­den­haf­te Zi­vil­cou­ra­ge.

Stel­lung­nah­me von AfD- Chef Alex­an­der Gau­land zum An­schlag auf Frank Ma­gnitz

Ne­ben­ef­fekt des per­ver­tier­ten, in­fla­tio­nä­ren Sprach­ge­brauchs ist die fak­ti­sche Ver­harm­lo­sung und Ver­nied­li­chung der wah­ren Mons­tro­si­tät all der Mensch­heits­ver­bre­chen und des Grau­ens, für die Be­grif­fe wie Fa­schis­mus, Na­zis­mus und Ras­sis­mus ei­gent­lich einst stan­den. Nach­dem die­se Ter­mi­no­lo­gie je­doch aus­ge­höhlt und mit neu­en In­hal­ten ge­füllt wur­de, eig­net sie sich treff­lich zur Ent­hu­ma­ni­sie­rung des heu­ti­gen po­li­ti­schen Geg­ners. Lust­voll er­ge­hen sich da­her auch Po­li­ti­ker der Gro­ko so­wie der re­gie­rungs­treu­en Op­po­si­ti­on in der bo­den­los-kru­den Be­schimp­fung der AfD uni­so­no als Wie­der­ge­burt des brau­nen Un­geists. Weil es ja ge­gen „Fein­de der frei­heit­li­chen De­mo­kra­tie“ (An­drea Nah­les), ge­gen „Na­zi-Pack“ (An­ton Hof­rei­ter) geht, muss auch über­haupt nicht mehr läs­tig ar­gu­men­tiert wer­den; statt­des­sen wird gleich die Exis­tenz­be­rech­ti­gung ne­giert: po­li­tisch, und ir­gend­wann dann auch phy­sisch. Es fängt im­mer mit ein­zel­nen Damm­brü­chen an. Erst vor we­ni­gen Ta­gen hielt der Os­na­brü­cker Ju­rist und blog­gen­de Selbst­dar­stel­ler Chris­ti­an Säf­ken kör­per­li­che Ge­walt ge­gen AfD-Ver­tre­ter für „le­gi­tim“, wenn da­mit ih­re „Macht­er­grei­fung“ ver­hin­dert wer­den kön­ne. Ähn­lich äu­ßern sich seit Mo­na­ten Un­zäh­li­ge in den so­zia­len Netz­wer­ken, die sich be­deu­tungs­schwan­ger mit „FCKAFD“-Displayhintergrund auf dem Smart­pho­ne oder „#wirsindmehr“-Hashtags als Jün­ger des wohl­fei­len Feel­good-Wi­der­stands von heu­te zu er­ken­nen ge­ben. Und Ralf Steg­ner von der SPD war es, der schon vor zwei­ein­halb Jah­ren er­klär­te: „Fakt bleibt, man muss Po­si­tio­nen und Per­so­nal der Rechts­po­pu­lis­ten at­ta­ckie­ren!“ Es war nur ei­ne Fra­ge der Zeit, bis sol­che Stim­mungs­ma­che wört­lich ge­nom­men wird.

Apro­pos SPD: Vor al­lem die Bre­mer So­zi­al­de­mo­kra­ten spiel­ten an­schei­nend ei­ne du­bio­se und noch auf­zu­klä­ren­de Rol­le im Vor­feld des heu­ti­gen Bre­mer Ge­walt­ver­bre­chen. Am Wo­chen­en­de hat­te ihr Stadt­ver­band be­reits den zy­ni­schen Slo­gan „Ge­gen Po­pu­lis­ten muss man EIN­TRE­TEN!“ ge­pos­tet. Ges­tern war dann fol­gen­der (in­zwi­schen ge­lösch­ter) Ban­ner­text zu le­sen, der sich ex­pli­zit auf das Op­fer Frank Ma­gnitz be­zog: „Was sag­te der Lan­des­vor­sit­zen­de der AfD heu­te im We­ser­ku­rier über Bre­men? ‘Bre­men ist für die AfD ein schwie­ri­ges Pflas­ter’ – wo er Recht hat, hat er Recht. Sor­gen wir da­für, dass es so bleibt.“ Kei­ne 24 Stun­den spä­ter wä­re Ma­gnitz auf dem Bre­mer „Pflas­ter“ fast ge­stor­ben. Wer so et­was pos­tet, weiß ent­we­der mehr über ge­plan­te oder un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­de, Ak­tio­nen – oder er be­weist bös­ar­ti­ge Hell­sich­tig­keit. Die links­ra­di­ka­len Ver­zah­nun­gen der SPD mit Links­ra­di­ka­len vor al­lem in den Stadt­staa­ten sind durch­aus nichts Neu­es; zu­letzt wies Ver­fas­sungs­schutz­prä­si­dent Hans-Ge­org Maaßen dar­auf hin – und muss­te prompt, auch we­gen die­ser un­be­que­men Wahr­heit, den Hut neh­men. Es scheint je­den­falls, als ob die SPD Bre­men hier ei­ni­ges zu er­klä­ren hät­te.

Zu der ag­gres­si­ven Stim­mung – die ir­gend­wann so­gar ei­ne Neu­auf­la­ge der be­rüch­tig­ten Fe­me-Mor­de der Wei­ma­rer Re­pu­blik her­auf­be­schwö­ren könn­te, wenn auch dies­mal mit um­ge­kehr­ten po­li­ti­schen Vor­zei­chen – tra­gen auch die Me­di­en bei. Die un­ver­hoh­le­ne und ver­kapp­te Sym­pa­thie für links­ex­tre­me Ge­walt reicht weit in die Ver­lags­häu­ser, Re­dak­ti­ons­bü­ros und Sen­de­an­stal­ten des Lan­des hin­ein. Das ist nicht erst seit der Be­richt­erstat­tung über die Ham­bur­ger G20-Kra­wal­le Mit­te 2017 evi­dent. Un­ver­ges­sen ist in die­sem Zu­sam­men­hang das Man­tra der Spie­gel-On­line-Ko­lum­nis­tin Mar­ga­re­te Sto­kow­ski: „An­ti­fa­schis­mus ist Hand­ar­beit“. Frank Ma­gnitz wur­de heu­te höchst­wahr­schein­lich das Op­fer die­ser Hand­ar­beit.

Links:
* Ver­mut­lich im ur­sprüng­li­chen Text des Bei­tra­ges in der FR (Ver­weis da­zu auch auf Twit­ter) ent­hal­te­ne und spä­ter ge­än­der­te For­mu­lie­rung (?). Die o.g. For­mu­lie­rung wird viel­fach im In­ter­net zi­tiert, z.B. von PP, op-on­line, Goog­le+, ET, und wird auch in den Goog­le Such­ergeb­nis­sen vom 09.01.2019 an­ge­zeigt. Er­schien sie der FR spä­ter als nicht mehr po­li­tisch kor­rekt?

Goog­le- Such­ergeb­nis­se vom 09.01.2019 zum Such­be­griff ‘Die AfD zu be­kämp­fen ist für frei­heit­lich den­ken­de Men­schen ei­ne de­mo­kra­ti­sche Pflicht’.

At­ten­tat auf AfD-Ab­ge­ord­ne­ten Frank Ma­gnitz (JFB)
Er­mitt­lun­gen nach An­griff auf AfD-Po­li­ti­ker lau­fen (FAZ auf You­tube)
“Wer Hass mit Hass be­kämpft, lässt im­mer den Hass ge­win­nen” (Zeit)
Wer AfD-Po­li­ti­ker als «Na­zis» be­schimpft, sät Ge­walt (NZZ)
Deutsch­land er­lebt Mord­an­schlag auf De­mo­kra­tie (Pey­ma­ni)
Die Saat per­ma­nen­ter Het­ze geht auf! (Lengs­feld)
Me­di­en und re­li­gö­ser Ei­fer: … Wahr­heits­mi­mis­te­ri­en … (NZZ)

Gast­au­tor: Da­ni­el Ma­tis­sek

Ti­tel­bild: Ec­ce Ho­mo by Lo­vis Corinth [Pu­blic do­main], Aus­schnitt, et­was in die Brei­te ver­zerrt

Po­li­zei­vi­deo Bre­men, Er­satz­link, Li­zenz: CC BY-NC-ND 4.0

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