Bie­der­frau und die Brand­stif­ter

Ist die Ba­by­lo­ni­sche Sprach­ver­wir­rung ge­wollt?

[Gast­bei­trag] ‘In “Bie­der­mann und die Brand­stif­ter” hat Max Frisch den Kern des Ver­der­bens von Per­son und Ge­mein­schaft frei­ge­legt: die ver­dor­be­ne Spra­che. Bie­der­mann und sei­ne Frau un­ter­lie­gen ge­gen die Brand­stif­ter, weil, was sie sa­gen, nicht ge­meint ist. Ih­re Spra­che dient nicht der Dar­stel­lung, son­dern der Vor­stel­lung.’

Nach vie­len Jah­ren le­se ich ge­ra­de mal wie­der das Stück “Bie­der­mann und die Brand­stif­ter” von Max Frisch und ha­be auf der Rück­sei­te des Buch­de­ckels das ein­gangs an­ge­führ­te  Zi­tat des Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lers Wer­ner We­ber  ge­le­sen, das ich Euch nicht vor­ent­hal­ten möch­te, weil es – wie das ge­sam­te Buch von Frisch – un­glaub­lich gut in un­se­re Zeit passt.

Die “ver­dor­be­ne Spra­che” ist in mei­nen Au­gen das Haupt­pro­blem, das wir der­zeit ha­ben. Es wer­den bei­spiels­wei­se ech­te Flücht­lin­ge, ech­te po­li­tisch Ver­folg­te, Glücks­rit­ter und Kri­mi­nel­le ein­fach un­ter dem Sam­mel­be­griff “Flücht­lin­ge” sub­sum­miert. Aus die­sem Grund ist es nicht mehr mög­lich, sich zu ver­ste­hen.

Ein Kon­ser­va­ti­ver, der “Flücht­lin­ge” sagt, der meint ver­mut­lich die Glücks­rit­ter und Kri­mi­nel­len, die un­ter die­sen Be­griff fal­len. Die will er aus­wei­sen und nicht wei­ter ver­sor­gen. Ein Lin­ker, der von “Flücht­lin­gen” spricht, meint die ech­ten Schutz­su­chen­den und hält den Kon­ser­va­ti­ven da­her für ei­nen Un­men­schen, der nicht hel­fen will. Man dis­ku­tiert mit­ein­an­der, oh­ne die Be­griff­lich­kei­ten über­haupt vor­her ge­klärt zu ha­ben.

Ich glau­be, oh­ne kla­re Spra­che und oh­ne kla­re De­fi­ni­ti­on der Be­griff­lich­kei­ten ist es un­mög­lich, sich zu ver­ste­hen und ge­nau die­se Ka­ko­pho­nie ist in mei­nen Au­gen auch ge­wollt. Wir sol­len uns ge­gen­sei­tig an­fein­den – nicht ver­ste­hen! Klas­si­sches “Tei­le und herr­sche”, mei­ner Mei­nung nach.

Im Grun­de soll­te mal je­mand ein Le­xi­kon zu­sam­men­stel­len, in dem po­li­ti­sche Be­grif­fe dar­ge­stellt sind, je­weils aus der Sicht ei­nes Kon­ser­va­ti­ven, ei­nes Li­be­ra­len und ei­nes Lin­ken. Ein Lin­ker wird den Be­griff “neo­li­be­ral” an­ders deu­ten als ein Li­be­ra­ler – nur als wei­te­res Bei­spiel. Mir geht es so furcht­bar auf die Ner­ven, dass man stän­dig an­ein­an­der vor­bei dis­ku­tiert. Ich bin über­zeugt da­von, dass man sich in vie­len Fäl­len ei­ni­gen könn­te, wenn man nur noch strikt auf der Sa­ch­ebe­ne dis­ku­tie­ren und vor­her die Be­griff­lich­kei­ten klä­ren wür­de.

Die meis­ten Men­schen – auch da­von bin ich über­zeugt – möch­ten ech­ten po­li­tisch Ver­folg­ten und ech­ten Flücht­lin­gen ger­ne hel­fen. Wie – dar­über müss­te man dis­ku­tie­ren, was man auch könn­te, wenn end­lich mal sach­lich dis­ku­tiert wer­den wür­de und nicht nur rein emo­tio­nal mit ei­ner furcht­ba­ren Ver­mi­schung der Be­deu­tung von Be­grif­fen.

Bie­der­mann und die Brand­stif­ter

„Ein Lehr­stück oh­ne Leh­re“ von Max Frisch, Fern­seh- Auf­füh­rung 1963

Bie­der­mann und die Brand­stif­ter

Von Max Frisch über­ar­bei­te­te Fern­seh­fas­sung, 1966

“1966 schrieb Frisch ei­gens ei­ne neue Fas­sung fürs Fern­se­hen, die ein Jahr spä­ter un­ter der Re­gie von Rai­ner Wolff­hardt mit Sieg­fried Lo­witz und Her­bert Böt­ti­cher ver­filmt wur­de. In der Um­set­zung fürs Heim­ki­no lässt Frisch sei­ne Haupt­fi­gur, Herrn Bie­der­mann (Sieg­fried Lo­witz), in ei­nem In­ter­view da­zu Stel­lung neh­men, was denn über­haupt ge­sche­hen ist. Die Fra­ge stellt sich, wes­halb die gan­ze Stadt denn über­haupt ab­ge­brannt sei. – Die Ge­schich­te, er­zählt er, be­ginnt da­mit, dass Brand­stif­ter in der Stadt um­ge­hen. So­lan­ge es ihn selbst nicht trifft, bleibt Herr Bie­der­mann aber ge­las­sen. Nicht ein­mal, als sich zwei Hau­sie­rer auf sei­nem Dach­bo­den ein­nis­ten und un­be­küm­mert Ben­zin­fäs­ser in den Dach­bo­den hin­auf schaf­fen, will Herr Bie­der­mann die Rea­li­tät wahr­ha­ben. Ein no­to­ri­scher Har­mo­nie­süch­ti­ger ist er, die­ser Bie­der­mann. Pu­re Angst und to­ta­le Fan­ta­sie­lo­sig­keit las­sen ihn glau­ben, er wer­de schon ver­schont blei­ben, wenn er nur mit den Brand­stif­tern pak­tie­re. Sei­ne Nai­vi­tät gip­felt in der Sze­ne, in der er den Brand­stif­tern als Ver­trau­ens­be­weis gar noch die Streich­höl­zer gibt, um die sie ihn ge­be­ten ha­ben, und das Schick­sal sei­nen Lauf nimmt.” (Text aus You­Tube über­nom­men)

Link: Bie­der­mann und die Brand­stif­ter (Wi­ki­pe­dia)

Au­tor: Gast

Ti­tel­bild: Max Frisch (& Frau?) und Fried­rich Dür­ren­matt
by Metz­ger, Jack [CC BY-SA 4.0], via Wi­ki­me­dia Com­mons

Bei­trag mit Freun­den tei­len?

1 Kommentar

  1. War­tet mal ab, das wird noch ein ech­tes Ba­by­lon 2.0 ge­ben, wenn wir nicht sach­lich wer­den. Aber auch das ist so ge­wollt.

    Antworten

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

vier × drei =

Social media & sharing icons powered by UltimatelySocial