Das Di­lem­ma der SPD

So­zi­al­de­mo­kra­ten in der Zwick­müh­le zwi­schen Ver­ge­sell­schaf­tung und Ver­ge­mein­schaf­tung.

Die al­te und die neue SPD un­ter­schei­den sich fun­da­men­tal: Einst mach­te die SPD Po­li­tik für die wert­schaf­fen­den Werk­tä­ti­gen der Mit­tel­schicht und der ehr­gei­zi­gen Un­ter­schicht. Al­so für die, die den Kar­ren zie­hen. Heu­te macht sie Po­li­tik für par­ti­ku­la­re Grup­pen und Min­der­hei­ten.

Die al­te SPD: Frei­heit, Gleich­heit, Brü­der­lich­keit

Das Prin­zip der Po­li­tik der al­ten SPD war das der auf­ge­klär­ten Ver­ge­sell­schaf­tung nach den Grund­sät­zen der fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on mit dem Ziel der auf­ge­klär­ten, so­li­da­ri­schen Gleich­be­rech­ti­gung: Glei­che Re­geln, glei­ches Recht und glei­che Chan­cen für al­le auf al­len Ebe­ne­ne. Da­von kön­nen al­le pro­fi­tie­ren, ins­be­son­de­re auch die­je­ni­gen, die bis­lang nicht die­se Chan­cen und Rech­te be­sa­ßen. Es ha­ben aber auch al­le die Pflicht, sich im Rah­men ih­rer Mög­lich­kei­ten am gleich­be­rech­ti­gen Ge­ben & Neh­men und an ei­nem ge­rech­ten In­ter­es­sen­aus­gleich zu be­tei­li­gen.

Ne­ben dem klas­si­schen Kli­en­tel der Ar­bei­ter & (ver­blie­be­nen Klein-) Bau­ern fan­den im Zu­ge der ge­sell­schaft­li­chen und öko­no­mi­schen Ent­wick­lung in glei­chem Ma­ße An­ge­stell­te, Hand­wer­ker,  Dienst­leis­ter und Klein­selbst­stän­di­ge in der SPD ei­ne Hei­mat, dar­über hin­aus er­heb­li­che Tei­le der auf­ge­klär­ten, so­zi­al- li­be­ra­len In­tel­li­gen­zia auf­grund der be­son­de­ren Wert­schät­zung der Auf­klä­rung durch die So­zi­al­de­mo­kra­ten.

Was par­ti­ku­la­re Grup­pen und Min­der­hei­ten an­be­langt, setz­te man sich für To­le­ranz und ge­sell­schaft­li­che Ak­zep­tanz ein mit dem Ziel, die­se par­ti­ku­la­ren (z.T. Au­ßen­sei­ter-) Grup­pen als re­spek­tier­ten Teil der Ge­sell­schaft in die ge­sell­schaft­li­che Mit­te hin­ein zu ho­len, sie qua­si ins ge­sell­schaft­li­che Be­wusst­sein als gleich­be­rech­tig­te Grup­pen zu in­te­grie­ren. Der Un­ter­schicht, dem ‘Lum­pen­pro­le­ta­ri­at’, mach­te man dar­über hin­aus be­son­de­re Bil­dungs- und För­der- An­ge­bo­te und er­öff­net ihr da­mit Chan­cen auf Teil­ha­be und ei­nen Auf­stieg in die Mit­te der Ge­sell­schaft. Son­der­rech­te mit Aus­nah­me ver­stärk­ter För­de­rung räum­te man die­sen Grup­pen je­doch nicht ein.

Die neue SPD: … aber man­che sind glei­cher

Mit der zu­neh­men­den Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Ge­sell­schaft nahm die Ho­mo­ge­ni­tät der Mehr­heit der werk­tä­ti­gen Ot­to Nor­mals ab und Tei­le der SPD-Stamm­wäh­ler­schaft gin­gen dar­über hin­aus auch noch fremd – die Ehr­gei­zi­gen zu den Grü­nen, die Ab­ge­häng­ten zu den Lin­ken und selbst­be­wuss­te Prag­ma­ti­ker zur CDU. Dar­auf­hin kam es bei der SPD zu ei­nem all­mäh­li­chen Stra­te­gie­wech­sel: Man nahm ver­stärkt par­ti­ku­la­re Grup­pen in den Fo­kus und be­gann da­mit, sie zu­nächst ver­bal zu um­gar­nen und zu ho­fie­ren und räum­te ih­nen schließ­lich auch Son­der­rech­te in Form von Quo­ten (Frau­en­quo­te 1988) ein nach dem Mot­to: Al­le sind gleich, aber man­che sind glei­cher. Lob­by­ar­beit die­ser Grup­pen, z.T. aus der SPD her­aus mit­in­iti­iert und mit­ge­tra­gen, mach­te die Sa­che zu­nächst noch at­trak­ti­ver, da sie den Ein­fluss über die Par­tei­gren­zen hin­aus ver­grö­ßern half.

Das Grund­prin­zip der Par­tei­ar­beit wur­de im­mer mehr die Ver­ge­mein­schaf­tung mit dem Ziel der (Er­geb­nis-) Gleich­heit durch Her­vor­he­bung und Bes­ser­stel­lung von par­ti­ku­la­ren, tat­säch­lich oder ver­meint­lich ak­tu­ell oder his­to­risch be­nach­tei­lig­ten Grup­pen. Um Be­vor­zu­gun­gen zu recht­fer­ti­gen, griff man zu­neh­mend auf frag­wür­di­ge links-iden­ti­tä­re bzw. iden­ti­täts­lin­ke Kon­zep­te zu­rück, die aus pro­pa­gier­tem his­to­risch er­lit­te­nem oder so­zio­kul­tu­rell be­grün­de­tem Un­recht Rech­te und Pflich­ten für durch fi­xe de­mo­gra­phi­sche Merk­ma­le de­fi­nier­te Iden­ti­täts­ty­pen ein­for­dern. Son­der­rech­te und Bo­ni wur­den ins­be­son­de­re Frau­en, Mi­His, Nicht- Wei­ßen und Nicht-He­te­ros zu­ge­stan­den, Son­der­pfli­chen und Ma­li vor al­lem (al­ten) wei­ßen Män­nern ab­ver­langt, al­so de­nen, die das Ge­rüst der wert­schaf­fen­den Wirt­schaft bil­den aka ‘den Kar­ren zie­hen’.

SPD in der Zwick­müh­le

Ei­ne Po­li­tik der Ver­ge­mein­schaf­tung be­deu­tet im­mer struk­tu­rell ei­ne Be­nach­tei­li­gung der Ot­to Nor­mals, denn aus de­ren Fleisch wer­den ja die Bo­ni für die par­ti­ku­la­ren Grup­pen ge­schnit­ten. Das kann man mit En­gels­zun­gen und dem Ap­pell an die Groß­zü­gig­keit des ‘Ka­va­liers, der sich so ei­ne klei­ne net­te Höf­lich­keits- Ges­te doch lo­cker leis­ten kann und sich mal nicht so klein­lich und klein­ka­riert an­stel­len soll’, für ei­ne Wei­le ver­tre­ten und in klei­nen ho­möo­pa­thi­schen Do­sen in die Ge­sell­schaft in­ji­zie­ren, aber ir­gend­wann nervt es eben und wenn die Pro­pa­gan­da für die­se Po­li­tik im­mer mehr an Laut­stär­ke zu­nimmt und die Stü­cke für die par­ti­ku­la­ren Grup­pen im­mer grö­ßer wer­den und die für die Nor­mal­sterb­li­chen im­mer klei­ner und schließ­lich noch stän­di­ge Nör­ge­lei­en, Be­lei­di­gun­gen bis hin zu Ehr­ver­let­zun­gen hin­zu kom­men, wird letz­te­ren im­mer kla­rer, dass man ja ganz re­al be­nach­tei­ligt und ma­dig ge­macht wird und Un­mut und Wi­der­stand da­ge­gen neh­men zu.

Als 2015 al­le Däm­me in Sa­chen Mi­gra­ti­on bra­chen, im Wahl­kampf 2017 Frau­en­quo­ten für Vor­stän­de und Auf­sichts­rä­te gro­ßer Un­ter­neh­men und Fa­mi­li­en­nach­zug zu den Top­the­men der SPD ge­hör­ten und Kri­ti­ker die­ser Po­li­tik be­schimpft und mo­ra­lisch ver­dammt wur­den, war für vie­le auf­ge­klär­te Ge­nos­sen dann Schluss mit lus­tig. Üb­ri­gens nicht ver­wun­der­lich, dass die­ser Ab­wärts­trend nach Schrö­der be­gann, dem letz­ten, der Frau­en- und Iden­ti­täts­po­li­tik noch schlicht mit dem Be­griff ‘Ge­döns’ ab­tat, auch wenn es be­reits lan­ge vor­her zu Zu­ge­ständ­nis­sen an die Par­ti­ku­la­ris­ten ge­kom­men war.

Quo va­dis SPD?

In die­ser Zwick­müh­le steckt die SPD heu­te. Man kann nicht die In­ter­es­sen von par­ti­ku­la­ren Grup­pen oder Min­der­hei­ten, die man mit pau­scha­len ‘Op­fer- Bo­ni’ aus­stat­tet und die der Ot­to Nor­mals oh­ne be­son­de­re Kenn­zei­chen, die man mit pau­scha­len ‘Tä­ter-Ma­li’ ver­sieht, zu­gleich prio­ri­tär ver­tre­ten, man muss sich ent­schei­den zwi­schen auf­ge­klär­ter Ver­ge­sell­schaf­tung mit Ziel Gleich­be­rech­ti­gung – al­le ha­ben glei­che Rech­te, Pflich­ten und Chan­cen und Leis­tung ent­schei­det – und Ver­ge­mein­schaf­tung mit Ziel Er­geb­nis­gleich­heit – ei­ni­ge par­ti­ku­la­re Grup­pen ha­ben mehr Rech­te als die an­de­ren und die Grup­pen-Iden­ti­tät ent­schei­det über die Po­si­ti­on in Be­ruf und Ge­sell­schaft, da­mit im Er­geb­nis al­le Grup­pen gleich­ge­stellt sind

Für vie­le auf­ge­klär­te Ge­nos­sen und Werk­tä­ti­ge kann die SPD da­her erst wie­der at­trak­tiv wer­den, wenn sie weit­ge­hend zum Prin­zip der auf­ge­klär­ten Ver­ge­sell­schaf­tung zu­rück kehrt. Das wür­de aber be­deu­ten, dass Son­der­rech­te weit­ge­hend ent­fal­len und ein er­heb­li­cher Teil der Po­li­tik der ver­gan­ge­nen 30 Jah­re re­vi­diert wer­den müss­te, was zu­gleich das Ein­ge­ständ­nis ei­nes Irr­wegs wä­re. Da­zu dürf­te die SPD aber we­der die Kraft noch die Über­zeu­gung noch glaub­wür­di­ges  Per­so­nal be­sit­zen und ver­mut­lich wür­de ihr das auch kein Mensch mehr so oh­ne wei­ters ab­neh­men. Der ein­zi­ge prag­ma­ti­sche Aus­weg aus die­sem Di­lem­ma wä­re viel­leicht ein all­mäh­li­ches, be­hut­sa­mes, ste­ti­ges Zrück­ru­dern (et­wa Ent- statt Ver­schär­fung und zeit­li­che Be­fris­tung von Quo­ten), wenn man da­bei im eta­blier­ten Par­tei­en­seg­ment ei­ne Vor­rei­ter­rol­le der auf­ge­klär­ten Ver­nunft über­nimmt.

Merk­satz: Auf­ge­klär­te Ver­ge­sell­schaf­tung ver­folgt das Ziel von Chan­cen­gleich­heit auf Ba­sis von Gleich­be­rech­ti­gung und die Leis­tung ent­schei­det. Ver­ge­mein­schaf­tung ver­folgt das Ziel von Er­geb­nis­gleich­heit (Gleich­ma­che­rei) auf Ba­sis von Un­gleich­heit der Chan­cen und die Grup­pen- Iden­ti­tät ent­schei­det.

Links:
Lin­ke Iden­ti­täts­po­li­tik: Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen ver­sus so­zia­le Ver­ant­wor­tung? (DLF)
Ver­ge­mein­schaf­tung und Ver­ge­sell­schaf­tung (text­log)
Wir ge­gen die: Op­fer­an­sprü­che & Schuld­be­kennt­nis­se (Kost­ner, NZZ)
Eth­no-Dis­kurs und Kul­tur­theo­rie: Fair­ness in der Viel­falt (DLF | E)
Ver­ge­sell­schaf­tung (Wi­ki)

Ti­tel­bild: Olaf Kosin­sky / CC BY-SA

1 Kommentar

  1. j.wesling13. Juli 2020 um 14:58

    Ich war lan­ge Zeit SPD Wäh­ler und für mich ist die Par­tei ge­stor­ben. War­um? weil ebend die Ar­bei­ter­schaft durch die SPD Ver­ra­ten wur­de. Dann wür­de ich aus zwei Fo­ren bei FB raus­ge­wor­fen weil ich mei­ne Mei­nung ge­sagt ha­be. Bei dem Fo­rum un­se­rer neue SPD wur­de ich als Na­zi be­schimpft weil ich sag­te kri­mi­nel­le soll­ten ih­re Stra­fe be­kom­men und kri­mi­nel­le Aus­län­der sol­len un­ser Land verlassen.das Fo­rum un­se­re SPD bin ich auch nicht mehr gern ge­se­hen nach­dem ich nach ei­ni­gen Co­ro­na- Ein­trä­gen von Mit­glie­dern ge­schrie­ben ha­be das wir uns nicht so an­stel­len sol­len denn täg­lich ster­ben tau­sen­de an Hun­ger. Ger­ne bin ich für of­fe­ne Gren­zen für mul­ti­kul­tu­rel­len Aus­tausch aber bit­te mit Re­geln. Die SPD gibt mir kein Ver­trau­en in der In­ne­ren Si­cher­heit was mir wich­tig ist, sie un­ter­stüt­zen die An­ti­fa mit Steu­er­gel­dern da­mit die­se bei un­er­wünsch­ten De­mos Kra­wall ma­chen. Ist das De­mo­kra­tie? Seit meh­re­ren Jah­ren bin ich Pro­test­wäh­ler aber die AFD wäh­le ich nicht. In Bre­men Re­gie­ren Ver­lie­rer der Wahl al­so rot-rot-grün nur da­mit die Herr­schaf­ten an der Macht Blei­ben. Ein Ro­man könn­te ich Schrei­ben so­viel hät­te ich noch zu Sa­gen aber Jetzt ma­che ich Schluss sonst ist der Tag ver­saut.

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