Flücht­lings­kri­se: Mit­ten­drin statt schon vor­bei

MEDITERRANEAN SEA (Oct. 17, 2013) Distressed persons are transferred from the amphibious transport dock ship USS San Antonio (LPD 17) to Armed Forces of Malta offshore patrol vessel P52. San Antonio provided food, water, medical attention, and temporary shelter to the rescued. San Antonio rescued 128 men adrift in an inflatable raft after responding to a call by the Maltese Government. (U.S. Navy photo/Released) 131017-N-ZZ999-009 Join the conversation http://www.navy.mil/viewGallery.asp http://www.facebook.com/USNavy http://www.twitter.com/USNavy http://navylive.dodlive.mil http://pinterest.com https://plus.google.com

Täg­lich kom­men 500 ir­re­gu­lä­re Mi­gran­ten nach Deutsch­land.

Die Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters zi­tiert aus ei­nem Pa­pier der Bun­des­re­gie­rung für ein Tref­fen von EU-Bot­schaf­tern am zwei­ten März-Wo­chen­en­de 2017 in Brüs­sel: ‘In Deutsch­land kom­men täg­lich 500 ir­re­gu­lä­re Mi­gran­ten an.’ Auf das Jahr hoch­ge­rech­net wä­ren das über 180.000 Men­schen, er­rech­net Reu­ters. Wei­ter mahnt die Bu­Reg in dem Pa­pier grö­ße­re An­stren­gun­gen der EU bei der Be­wäl­ti­gung der Mi­gra­ti­ons­kri­se an und er­in­nert dar­an, dass der EU-Gip­fel im De­zem­ber 2016 das Ziel for­mu­liert ha­be, ‘ei­ne po­li­ti­sche Ei­ni­gung zur Re­form des EU-Asyl­sys­tems bis En­de Ju­ni 2017 zu er­rei­chen’. Fer­ner sol­le ei­ne bes­se­re Las­ten­ver­tei­lung in­ner­halb der EU und ei­ne bes­se­re Vor­be­rei­tung auf künf­ti­ge Mi­gra­ti­ons­kri­sen er­zielt wer­den.

Wer sind die ‘täg­lich 500 il­le­ga­len Mi­gran­ten’ und wo kom­men sie her? In den ver­gan­ge­nen Wo­chen und Mo­na­ten auf­ge­schnapp­te Be­rich­te und In­for­ma­tio­nen deu­ten dar­auf hin, dass es sich da­bei u.a. um Mi­gran­ten aus Afri­ka han­deln dürf­te, die aus Ita­li­en über die Schweiz, Frank­reich oder Ös­ter­reich nach Deutsch­land ein­ge­schleust wer­den oder ein­si­ckern so­wie um Flücht­lin­ge, die aus dem Be­reich des Kau­ka­sus kom­men, al­so et­wa aus dem Raum Ge­or­gi­en, Ar­me­ni­en, Aser­bei­dschan und vor al­lem Tsche­tsche­ni­en, die über Weiß­russ­land und Po­len nach Deutsch­land ge­lan­gen. Ei­ni­ge, viel­leicht so­gar der Groß­teil, dürf­ten es aber nach wie vor über Schlupf­lö­cher in der Bal­kan­rou­te nach Deutsch­land schaf­fen.

Hen­ryk M. Bro­der: “Was Mer­kel treibt, grenzt an Un­treue im Amt”

Je­weils 500 Flücht­lin­ge pro Mo­nat über­nimmt Deutsch­land dar­über hin­aus seit En­de ver­gan­ge­nen Jah­res ganz of­fi­zi­ell aus Ita­li­en und Grie­chen­land auf­grund ei­ner Zu­sa­ge Mer­kels an die je­wei­li­gen Re­gie­run­gen im Rah­men des eu­ro­päi­schen Re­lo­ca­ti­on-Pro­gram­mes. Wo­bei man sich schon mal fra­gen kann, war­um aus­ge­rech­net das Land, das die mit Ab­stand größ­te ab­so­lu­te und mit Aus­nah­me von Schwe­den auch größ­te re­la­ti­ve An­zahl von Mi­gran­ten auf­ge­nom­men hat, das ein­zi­ge EU-Land ist, das sich über­haupt sub­stan­zi­ell an die­sem Pro­gramm be­tei­ligt, und zwar nicht als Ab­ga­be- son­dern als Auf­nah­me­land.

Selb­stän­di­ge ei­ge­ne Maß­nah­men Deutsch­lands, wie sie et­wa Un­garn, Ös­ter­reich und et­li­che Län­der auf der Bal­kan­rou­te mit der Er­rich­tung von Zäu­nen, Grenz­kon­trol­len oder grenz­na­hen Auf­fang­sta­tio­nen be­reits im Fe­bru­ar 2016 und lan­ge da­vor – Un­garn be­reits ab Sep­tem­ber 2015 – er­grif­fen ha­ben (-> Ket­ten­re­ak­ti­on der Ver­nunft), wer­den in dem Pa­pier nicht er­wähnt. Al­lem An­schein noch gibt es sol­che Maß­nah­men nicht, au­ßer viel­leicht ein paar mehr Grenz­kon­trol­len, die ei­ne bes­se­re Re­gis­trie­rung er­mög­li­chen, aber – seit­dem das Dub­lin-Ab­kom­men nicht mehr an­ge­wandt wird – nie­man­den da­von ab­hal­ten, nach Deutsch­land zu ge­lan­gen, dem das Wort ‘Asyl’ über die Lip­pen kommt. Der größ­te und mit Ab­stand wirt­schaft­lich mäch­tigs­te Staat der EU er­weist sich da­mit als kom­plett hand­lungs­un­fä­hig, wehr- und hilf­los wie ein auf dem Rü­cken lie­gen­der Mai­kä­fer, was die Ho­heit über das ei­ge­ne Staats­ge­biet an­be­langt. Und dies an­ge­sichts der ver­mut­lich größ­ten und exis­ten­zi­ells­ten po­li­tisch-ge­sell­schaft­li­chen Her­aus­for­de­rung für Deutsch­land seit dem 2. Welt­krieg.

Sah­ra Wa­gen­knecht zur Re­du­zie­rung der Flücht­lings­zah­len

Ist Deutsch­land noch ein Staat?

Es drängt sich die Fra­ge auf, ob Deutsch­land über­haupt noch ein Staat ist. Nach klas­si­scher De­fi­ni­ti­on ist ein Staat durch die prä­zi­se nach Zu­ge­hö­rig­keit bzw. Nicht­zu­ge­hö­rig­keit zu de­fi­nie­ren­den und da­mit ent­spre­chend ab­zu­gren­zen­den drei Ele­men­teStaats­volk, Staats­ge­biet und Staats­ge­walt’ ge­kenn­zeich­net. Nach­dem die Bun­des­kanz­le­rin be­reits im Herbst 2015 ver­laut­bart hat­te, Deutsch­land kön­ne sei­ne Gren­zen nicht schüt­zen und da­mit prak­tisch die Ho­heit über das Staats­ge­biet ver­lo­ren ge­ge­ben hat und jüngst er­klär­te: ‘Das Volk ist je­der, der hier lebt’, was im Wi­der­spruch zur staats­recht­li­chen und grund­ge­setz­li­chen De­fi­ni­ti­on ei­nes Staats­bür­gers steht, sind zwei die­ser Ele­men­te, folgt man den Aus­sa­gen der Kanz­le­rin, in staats­recht­li­chem Sin­ne gar nicht mehr vor­han­den oder je­den­falls nicht mehr un­ter Kon­trol­le.

Und was das drit­te Ele­ment an­be­langt, Staats­ge­walt & Staats­recht, sind auch hier Zwei­fel an­ge­bracht, ob die noch in aus­rei­chen­dem Maß vor­han­den und kon­se­quent durch­ge­setzt wer­den bzw. wer­den kön­nen. An den Gren­zen schon mal nicht, in den Ghet­tos und No-Go-Are­as laut Aus­sa­gen et­li­cher Po­li­zei­be­am­ter auch nicht und selbst bei öf­fen­li­chen und po­li­ti­schen Ver­an­stal­tun­gen oft­mals nur un­zu­rei­chend oder un­ter enor­mem Auf­wand. Wenn es zu­viel wird wie vor gut ei­nem Jahr in Köln oder wenn nur der po­li­ti­sche Geg­ner be­trof­fen ist, dann ka­pi­tu­liert der Staat schon mal oder sieht weg.

Ein­wan­de­rung aus Sicht der Po­li­zei – Rai­ner Wendt

Mäd­chen und Frau­en sind im All­tag vie­ler­orts Frei­wild und al­ler­lei An­züg­lich­kei­ten, Be­läs­ti­gun­gen und Be­lei­di­gun­gen aus­ge­setzt bis hin zu mas­si­ven se­xu­el­len Nö­ti­gun­gen und Ver­ge­wal­ti­gun­gen, so­gar Se­xu­al­mor­de gab es be­reits. Woh­nungs­ein­brüch häu­fen sich seit Jah­ren dra­ma­tisch. Je­der Bür­ger läuft Ge­fahr, im öf­fent­li­chen Raum be­stoh­len, über­fal­len, aus­ge­raubt, drang­sa­liert und zu­sam­men­ge­schla­gen zu wer­den. Trit­te ge­gen den Kopf von be­reits kampf­un­fä­hig und wehr­los am Bo­den Lie­gen­den er­freu­en sich da­bei gro­ßer Be­liebt­heit.

Ge­fühl von Un­si­cher­heit

Die PKS (Po­li­zei­li­che Kri­mi­na­li­täts­sta­tis­tik), die ja gar kei­ne Sta­tis­tik über De­lik­te, son­den nur ei­ne über po­li­zei­li­che Er­mitt­lungs­ver­fah­ren ist, spie­gelt das all­ge­mei­ne Ge­fühl von Un­si­cher­heit mal mehr, mal we­ni­ger und manch­mal gar nicht wie­der. In Zei­tungs­be­rich­ten dar­über kol­li­die­ren be­schwich­ti­gen­de Über­schrif­ten bis­wei­len hals­bre­che­risch mit im klein­ge­druck­ten Text­kör­per ver­steck­ten be­un­ru­hi­gen­den Zah­len. Kein Wun­der, dass auch das Ver­trau­en in die Sta­tis­ti­ken und die Be­richt­erstat­tung dar­über mehr und mehr schwin­det. Be­schwich­ti­gungs- und Er­zie­hungs­jour­na­lis­mus statt In­for­ma­ti­on und Auf­klä­rung.

Po­li­ti­ker er­zäh­len uns, Deutsch­land wer­de von Jahr zu Jahr si­che­rer, kün­di­gen zu­gleich aber ei­ne mas­si­ve Auf­sto­ckung und Auf­rüs­tung von Po­li­zei­kräf­ten an. Das pri­va­te Si­cher­heits­ge­wer­be er­lebt ei­nen Boom, Bür­ger rüs­ten auf mit Pfef­fer-Ab­wehr­sprays, Gas- und Schreck­schuß­pis­to­len und teu­rer Si­cher­heits­tech­nik, Schließ­an­la­gen für Fens­ter und Tü­ren. Sein & Schein klaf­fen weit aus­ein­an­der.

‘Rech­te mög­li­cher Tä­ter wer­den hö­her be­wer­tet als Schutz künf­ti­gen Op­fer’

An die von Zeit zu Zeit statt­fin­de­nen Ter­ror­at­ta­cken wie in Han­no­ver, Würz­burg, Ans­bach, Mün­chen, Ber­lin oder nun Düs­sel­dorf hat man sich schon fast ge­wöhnt. Wo­bei die Gren­zen zwi­schen ein­deu­tig po­li­tisch oder re­li­gi­ös mo­ti­vier­tem Ter­ror auf der ei­nen und oft­mals aus der Ero­si­on ge­sell­schaft­li­cher Ver­hält­nis­se und Be­zie­hun­gen, aus Ent­frem­dung und Ent­wur­ze­lung re­sul­tie­ren­der psy­chi­scher La­bi­li­tät oder Er­kran­kung ge­speis­tem Ter­ror durch­aus als flie­ßend zu be­trach­ten sind. Die sicht­lich be­müht von Po­li­tik, In­sti­tu­tio­nen, al­ler­lei öf­fent­li­chen Or­ga­nen und Me­di­en vor­ge­nom­me­ne Tren­nung zwi­schen ein­deu­tig po­li­ti­schen, po­li­tisch-re­li­giö­sen oder ge­sell­schaft­lich- kri­mi­nel­len Mo­ti­ven zu­zu­ord­nen­den An­schlä­gen und At­ta­cken muss nie­mand mit­ma­chen, oder? Ter­ror be­deu­tet Schre­cken und für die Op­fer und ih­re An­ge­hö­ri­gen macht es so­wie­so kei­nen Un­ter­schied, wel­che Mo­ti­ve da­hin­ter ste­hen.

Nicht zu­letzt, son­dern eher an vor­de­rer Stel­le an­zu­sie­deln, kommt hin­zu, dass Ver­lan­gen auf recht­li­che Prü­fung der Maß­nah­men & Ent­schei­dun­gen der Kanz­le­rin bzw. der Bun­des­re­gie­rung in Form von Ver­fas­sungs­be­schwer­den ent­we­der gar nicht erst ein­ge­reicht (di Fa­bio, Pa­pier, Scholz) oder an­ge­nom­men (z.B. Schacht­schnei­der) wer­den. Rechts­staat und Rechts­si­cher­heit geht an­ders.

Links
Die Flücht­lings­kri­se ist nicht vor­bei (Ci­ce­ro)
Staat in Selbst­auf­lö­sung (PA)
Die ver­schwun­de­ne Ver­ge­wal­ti­gungs­epe­de­mie (f+f)
Plan­te Bu­Reg Sep­tem­ber 2015 Grenz­schlie­ßung? (Zwie)
Mer­kel hofft auf 12 Mio Ein­wan­de­rer (Wo­chen­blick)
Is­la­mis­ti­sche Tsche­tsche­nen in Bran­den­burg (rbb)

Buch

Die Ge­trie­be­nen – Mer­kel und die Flücht­lings­po­li­tik – Re­port aus dem In­ne­ren der Macht – von Ro­bin Alex­an­der, Sied­ler­ver­lag, Er­schei­nungs­da­tum: 13.03.2017; Ex­klu­si­ver aus­zugs­wei­ser Vor­ab­druck in der „Welt am Sonn­tag“

Ro­bin Alex­an­der: Die Ge­trie­be­nen: Mer­kel und die Flücht­lings­po­li­tik: Re­port aus dem In­nern der Macht

Ti­tel­bild: von Of­fi­ci­al U.S. Na­vy Pa­ge from United Sta­tes of Ame­ri­ca U.S. Na­vy photo/U.S. Na­vy [Pu­blic do­main], via Wi­ki­me­dia Com­mons

Erst­pu­bli­ka­ti­on des Bei­trags: 11.03.2017

6 Kommentare

  1. […] zur Flücht­lings­kri­se (FAZ) Nur drei von 100 Mi­gran­ten sind ech­te Flücht­lin­ge (ET) Flücht­lings­kri­se: Mit­ten­drin statt nur da­bei […]

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