Flücht­lings­kri­se: Mit­ten­drin statt schon vor­bei

Täg­lich kom­men 500 ir­re­gu­lä­re Mi­gran­ten nach Deutsch­land.

Die Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters zi­tiert aus ei­nem Pa­pier der Bun­des­re­gie­rung für ein Tref­fen von EU-Bot­schaf­tern am zwei­ten März-Wo­chen­en­de 2017 in Brüs­sel: ‘In Deutsch­land kom­men täg­lich 500 ir­re­gu­lä­re Mi­gran­ten an.’ Auf das Jahr hoch­ge­rech­net wä­ren das über 180.000 Men­schen, er­rech­net Reu­ters. Wei­ter mahnt die Bu­Reg in dem Pa­pier grö­ße­re An­stren­gun­gen der EU bei der Be­wäl­ti­gung der Mi­gra­ti­ons­kri­se an und er­in­nert dar­an, dass der EU-Gip­fel im De­zem­ber 2016 das Ziel for­mu­liert ha­be, ‘ei­ne po­li­ti­sche Ei­ni­gung zur Re­form des EU-Asyl­sys­tems bis En­de Ju­ni 2017 zu er­rei­chen’. Fer­ner sol­le ei­ne bes­se­re Las­ten­ver­tei­lung in­ner­halb der EU und ei­ne bes­se­re Vor­be­rei­tung auf künf­ti­ge Mi­gra­ti­ons­kri­sen er­zielt wer­den.

Wer sind die ‘täg­lich 500 il­le­ga­len Mi­gran­ten’ und wo kom­men sie her? In den ver­gan­ge­nen Wo­chen und Mo­na­ten auf­ge­schnapp­te Be­rich­te und In­for­ma­tio­nen deu­ten dar­auf hin, dass es sich da­bei u.a. um Mi­gran­ten aus Afri­ka han­deln dürf­te, die aus Ita­li­en über die Schweiz, Frank­reich oder Ös­ter­reich nach Deutsch­land ein­ge­schleust wer­den oder ein­si­ckern so­wie um Flücht­lin­ge, die aus dem Be­reich des Kau­ka­sus kom­men, al­so et­wa aus dem Raum Ge­or­gi­en, Ar­me­ni­en, Aser­bei­dschan und vor al­lem Tsche­tsche­ni­en, die über Weiß­russ­land und Po­len nach Deutsch­land ge­lan­gen. Ei­ni­ge, viel­leicht so­gar der Groß­teil, dürf­ten es aber nach wie vor über Schlupf­lö­cher in der Bal­kan­rou­te nach Deutsch­land schaf­fen.

Hen­ryk M. Bro­der: “Was Mer­kel treibt, grenzt an Un­treue im Amt”

Je­weils 500 Flücht­lin­ge pro Mo­nat über­nimmt Deutsch­land dar­über hin­aus seit En­de ver­gan­ge­nen Jah­res ganz of­fi­zi­ell aus Ita­li­en und Grie­chen­land auf­grund ei­ner Zu­sa­ge Mer­kels an die je­wei­li­gen Re­gie­run­gen im Rah­men des eu­ro­päi­schen Re­lo­ca­ti­on-Pro­gram­mes. Wo­bei man sich schon mal fra­gen kann, war­um aus­ge­rech­net das Land, das die mit Ab­stand größ­te ab­so­lu­te und mit Aus­nah­me von Schwe­den auch größ­te re­la­ti­ve An­zahl von Mi­gran­ten auf­ge­nom­men hat, das ein­zi­ge EU-Land ist, das sich über­haupt sub­stan­zi­ell an die­sem Pro­gramm be­tei­ligt, und zwar nicht als Ab­ga­be- son­dern als Auf­nah­me­land.

Selb­stän­di­ge ei­ge­ne Maß­nah­men Deutsch­lands, wie sie et­wa Un­garn, Ös­ter­reich und et­li­che Län­der auf der Bal­kan­rou­te mit der Er­rich­tung von Zäu­nen, Grenz­kon­trol­len oder grenz­na­hen Auf­fang­sta­tio­nen be­reits im Fe­bru­ar 2016 und lan­ge da­vor – Un­garn be­reits ab Sep­tem­ber 2015 – er­grif­fen ha­ben (-> Ket­ten­re­ak­ti­on der Ver­nunft), wer­den in dem Pa­pier nicht er­wähnt. Al­lem An­schein noch gibt es sol­che Maß­nah­men nicht, au­ßer viel­leicht ein paar mehr Grenz­kon­trol­len, die ei­ne bes­se­re Re­gis­trie­rung er­mög­li­chen, aber – seit­dem das Dub­lin-Ab­kom­men nicht mehr an­ge­wandt wird – nie­man­den da­von ab­hal­ten, nach Deutsch­land zu ge­lan­gen, dem das Wort ‘Asyl’ über die Lip­pen kommt. Der größ­te und mit Ab­stand wirt­schaft­lich mäch­tigs­te Staat der EU er­weist sich da­mit als kom­plett hand­lungs­un­fä­hig, wehr- und hilf­los wie ein auf dem Rü­cken lie­gen­der Mai­kä­fer, was die Ho­heit über das ei­ge­ne Staats­ge­biet an­be­langt. Und dies an­ge­sichts der ver­mut­lich größ­ten und exis­ten­zi­ells­ten po­li­tisch-ge­sell­schaft­li­chen Her­aus­for­de­rung für Deutsch­land seit dem 2. Welt­krieg.

Sah­ra Wa­gen­knecht zur Re­du­zie­rung der Flücht­lings­zah­len

Ist Deutsch­land noch ein Staat?

Es drängt sich die Fra­ge auf, ob Deutsch­land über­haupt noch ein Staat ist. Nach klas­si­scher De­fi­ni­ti­on ist ein Staat durch die prä­zi­se nach Zu­ge­hö­rig­keit bzw. Nicht­zu­ge­hö­rig­keit zu de­fi­nie­ren­den und da­mit ent­spre­chend ab­zu­gren­zen­den drei Ele­men­teStaats­volk, Staats­ge­biet und Staats­ge­walt’ ge­kenn­zeich­net. Nach­dem die Bun­des­kanz­le­rin be­reits im Herbst 2015 ver­laut­bart hat­te, Deutsch­land kön­ne sei­ne Gren­zen nicht schüt­zen und da­mit prak­tisch die Ho­heit über das Staats­ge­biet ver­lo­ren ge­ge­ben hat und jüngst er­klär­te: ‘Das Volk ist je­der, der hier lebt’, was im Wi­der­spruch zur staats­recht­li­chen und grund­ge­setz­li­chen De­fi­ni­ti­on ei­nes Staats­bür­gers steht, sind zwei die­ser Ele­men­te, folgt man den Aus­sa­gen der Kanz­le­rin, in staats­recht­li­chem Sin­ne gar nicht mehr vor­han­den oder je­den­falls nicht mehr un­ter Kon­trol­le.

Und was das drit­te Ele­ment an­be­langt, Staats­ge­walt & Staats­recht, sind auch hier Zwei­fel an­ge­bracht, ob die noch in aus­rei­chen­dem Maß vor­han­den und kon­se­quent durch­ge­setzt wer­den bzw. wer­den kön­nen. An den Gren­zen schon mal nicht, in den Ghet­tos und No-Go-Are­as laut Aus­sa­gen et­li­cher Po­li­zei­be­am­ter auch nicht und selbst bei öf­fen­li­chen und po­li­ti­schen Ver­an­stal­tun­gen oft­mals nur un­zu­rei­chend oder un­ter enor­mem Auf­wand. Wenn es zu­viel wird wie vor gut ei­nem Jahr in Köln oder wenn nur der po­li­ti­sche Geg­ner be­trof­fen ist, dann ka­pi­tu­liert der Staat schon mal oder sieht weg.

Ein­wan­de­rung aus Sicht der Po­li­zei – Rai­ner Wendt

Mäd­chen und Frau­en sind im All­tag vie­ler­orts Frei­wild und al­ler­lei An­züg­lich­kei­ten, Be­läs­ti­gun­gen und Be­lei­di­gun­gen aus­ge­setzt bis hin zu mas­si­ven se­xu­el­len Nö­ti­gun­gen und Ver­ge­wal­ti­gun­gen, so­gar Se­xu­al­mor­de gab es be­reits. Woh­nungs­ein­brüch häu­fen sich seit Jah­ren dra­ma­tisch. Je­der Bür­ger läuft Ge­fahr, im öf­fent­li­chen Raum be­stoh­len, über­fal­len, aus­ge­raubt, drang­sa­liert und zu­sam­men­ge­schla­gen zu wer­den. Trit­te ge­gen den Kopf von be­reits kampf­un­fä­hig und wehr­los am Bo­den Lie­gen­den er­freu­en sich da­bei gro­ßer Be­liebt­heit.

Ge­fühl von Un­si­cher­heit

Die PKS (Po­li­zei­li­che Kri­mi­na­li­täts­sta­tis­tik), die ja gar kei­ne Sta­tis­tik über De­lik­te, son­den nur ei­ne über po­li­zei­li­che Er­mitt­lungs­ver­fah­ren ist, spie­gelt das all­ge­mei­ne Ge­fühl von Un­si­cher­heit mal mehr, mal we­ni­ger und manch­mal gar nicht wie­der. In Zei­tungs­be­rich­ten dar­über kol­li­die­ren be­schwich­ti­gen­de Über­schrif­ten bis­wei­len hals­bre­che­risch mit im klein­ge­druck­ten Text­kör­per ver­steck­ten be­un­ru­hi­gen­den Zah­len. Kein Wun­der, dass auch das Ver­trau­en in die Sta­tis­ti­ken und die Be­richt­erstat­tung dar­über mehr und mehr schwin­det. Be­schwich­ti­gungs- und Er­zie­hungs­jour­na­lis­mus statt In­for­ma­ti­on und Auf­klä­rung.

Po­li­ti­ker er­zäh­len uns, Deutsch­land wer­de von Jahr zu Jahr si­che­rer, kün­di­gen zu­gleich aber ei­ne mas­si­ve Auf­sto­ckung und Auf­rüs­tung von Po­li­zei­kräf­ten an. Das pri­va­te Si­cher­heits­ge­wer­be er­lebt ei­nen Boom, Bür­ger rüs­ten auf mit Pfef­fer-Ab­wehr­sprays, Gas- und Schreck­schuß­pis­to­len und teu­rer Si­cher­heits­tech­nik, Schließ­an­la­gen für Fens­ter und Tü­ren. Sein & Schein klaf­fen weit aus­ein­an­der.

‘Rech­te mög­li­cher Tä­ter wer­den hö­her be­wer­tet als Schutz künf­ti­gen Op­fer’

An die von Zeit zu Zeit statt­fin­de­nen Ter­ror­at­ta­cken wie in Han­no­ver, Würz­burg, Ans­bach, Mün­chen, Ber­lin oder nun Düs­sel­dorf hat man sich schon fast ge­wöhnt. Wo­bei die Gren­zen zwi­schen ein­deu­tig po­li­tisch oder re­li­gi­ös mo­ti­vier­tem Ter­ror auf der ei­nen und oft­mals aus der Ero­si­on ge­sell­schaft­li­cher Ver­hält­nis­se und Be­zie­hun­gen, aus Ent­frem­dung und Ent­wur­ze­lung re­sul­tie­ren­der psy­chi­scher La­bi­li­tät oder Er­kran­kung ge­speis­tem Ter­ror durch­aus als flie­ßend zu be­trach­ten sind. Die sicht­lich be­müht von Po­li­tik, In­sti­tu­tio­nen, al­ler­lei öf­fent­li­chen Or­ga­nen und Me­di­en vor­ge­nom­me­ne Tren­nung zwi­schen ein­deu­tig po­li­ti­schen, po­li­tisch-re­li­giö­sen oder ge­sell­schaft­lich- kri­mi­nel­len Mo­ti­ven zu­zu­ord­nen­den An­schlä­gen und At­ta­cken muss nie­mand mit­ma­chen, oder? Ter­ror be­deu­tet Schre­cken und für die Op­fer und ih­re An­ge­hö­ri­gen macht es so­wie­so kei­nen Un­ter­schied, wel­che Mo­ti­ve da­hin­ter ste­hen.

Nicht zu­letzt, son­dern eher an vor­de­rer Stel­le an­zu­sie­deln, kommt hin­zu, dass Ver­lan­gen auf recht­li­che Prü­fung der Maß­nah­men & Ent­schei­dun­gen der Kanz­le­rin bzw. der Bun­des­re­gie­rung in Form von Ver­fas­sungs­be­schwer­den ent­we­der gar nicht erst ein­ge­reicht (di Fa­bio, Pa­pier, Scholz) oder an­ge­nom­men (z.B. Schacht­schnei­der) wer­den. Rechts­staat und Rechts­si­cher­heit geht an­ders.

Links
Die Flücht­lings­kri­se ist nicht vor­bei (Ci­ce­ro)
Staat in Selbst­auf­lö­sung (PA)
Die ver­schwun­de­ne Ver­ge­wal­ti­gungs­epe­de­mie (f+f)
Plan­te Bu­Reg Sep­tem­ber 2015 Grenz­schlie­ßung? (Zwie)
Mer­kel hofft auf 12 Mio Ein­wan­de­rer (Wo­chen­blick)
Is­la­mis­ti­sche Tsche­tsche­nen in Bran­den­burg (rbb)

Buch

Die Ge­trie­be­nen – Mer­kel und die Flücht­lings­po­li­tik – Re­port aus dem In­ne­ren der Macht – von Ro­bin Alex­an­der, Sied­ler­ver­lag, Er­schei­nungs­da­tum: 13.03.2017; Ex­klu­si­ver aus­zugs­wei­ser Vor­ab­druck in der „Welt am Sonn­tag“

Ro­bin Alex­an­der: Die Ge­trie­be­nen: Mer­kel und die Flücht­lings­po­li­tik: Re­port aus dem In­nern der Macht

Ti­tel­bild: von Of­fi­ci­al U.S. Na­vy Pa­ge from United Sta­tes of Ame­ri­ca U.S. Na­vy photo/U.S. Na­vy [Pu­blic do­main], via Wi­ki­me­dia Com­mons

Erst­pu­bli­ka­ti­on des Bei­trags: 11.03.2017

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8 Kommentare

  1. […] zur Flücht­lings­kri­se (FAZ) Nur drei von 100 Mi­gran­ten sind ech­te Flücht­lin­ge (ET) Flücht­lings­kri­se: Mit­ten­drin statt nur da­bei […]

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  2. […] hin­aus über­schrei­ten auch An­fang 2017 täg­li­ch 500 ir­re­gu­lä­re Im­mi­gran­ten die Gren­ze nach […]

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  3. […] ge­schla­gen und in Li­by­ens “Höl­len” aus­ge­hun­gert (Die Pres­se) Flücht­lings­kri­se: Mit­ten­drin statt schon vor­bei (Schel­men­streich) Ethi­scher Rea­lis­mus und Mi­gra­ti­on […]

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  4. […] Flücht­lings­kri­se: Mit­ten­drin statt schon vor­bei […]

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  5. […] (3) Kon­ser­va­ti­ve aus Uni­on schlie­ßen si­ch zu­sam­men (Zeit) (4) Flücht­lings­kri­se: Mit­ten­drin statt schon vor­bei (Schelm) (5) Deutsch­land will ver­stärk­ten EU-Kampf ge­gen Mi­gra­ti­ons­kri­se […]

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  6. […] Die Flücht­lings­kri­se ist nicht vor­bei (Ci­ce­ro) Staat in Selbst­auf­lö­sung (PA) Flücht­lings­kri­se: Mit­ten­drin statt vor­bei […]

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