Grif­fel weg von Dres­den!

Ich ha­be es ziem­lich satt. Das Land ver­liert Iden­ti­tät, Kul­tur, Si­cher­heit, wirt­schaft­li­che Per­spek­ti­ven. Was aber un­auf­hör­lich, von früh bis spät wie Gift aus den Ra­di­os und Glot­zen quillt ist … der Rechts­ex­tre­mis­mus. In Sach­sen, mit Dres­den als Epi­zen­trum. Holz­gal­gen, zer­ris­se­ne Ho­sen­bei­ne, je­des Auf­be­geh­ren ge­gen ein­si­ckern­de Kri­mi­na­li­tät – kein Vor­komm­nis ist nich­tig ge­nug, die Le­gen­de von den re­inkar­nier­ten Na­zis nicht neu auf­le­ben zu las­sen.

Jah­re­lang müs­sen in be­son­de­rem Ma­ße wir Dresd­ner es nun er­tra­gen, an den Pran­ger ge­stellt zu wer­den. Nir­gends füh­ren staat­li­che Me­di­en ei­nen sol­chen Feld­zug ge­gen ei­ne Stadt in ih­rem Land. Ein ZDF-Team, das mit sei­ner seit drei Jah­ren an­dau­ern­den Kam­pa­gne mal für 45 min nicht so konn­te wie ge­wollt, wird auf ei­ne Wei­se zum na­tio­na­len Skan­dal hoch­ge­jazzt, dass man sich ob die­ser Hys­te­rie in­ter­na­tio­nal nur noch die Au­gen reibt. Psy­chisch auf­fäl­lig könn­te man es auch nen­nen.

Glück­wunsch je­den­falls, ihr Ir­gend­was­mit­me­di­en­stu­die­rer, Vo­lon­tä­re und Fre­e­lan­cer. Ihr habt über die Jah­re da­mit durch­aus ei­ni­ges be­wirkt. Über­all auf dem Glo­bus, an den ent­fern­tes­ten Or­ten, müs­sen sich mei­ne Kin­der nun für ih­ren Her­kunfts­ort recht­fer­ti­gen oder gar ent­schul­di­gen. Ei­ne der schöns­ten Städ­te Deutsch­lands, mit ei­nem his­to­risch ge­wach­se­nen Bür­ger­tum, ge­nia­len Er­fin­dern und In­ge­nieu­ren, ei­ner welt­be­kann­ten Bil­dungs-, For­schungs- und Kul­tur­land­schaft, phan­tas­ti­schen Bau­wer­ken und ei­nem Fluss, der hier auf ei­ne in der Welt ein­zig­ar­ti­ge Wei­se in die Stadt in­te­griert wur­de, habt ihr in den Image- Or­kus ge­schrie­ben.

In eu­rer groß­kot­zi­gen, be­leh­ren­den At­ti­tü­de habt ihr in­des kei­nen blas­sen Schim­mer, wie die Ein­woh­ner die­ser Stadt wirk­lich ti­cken. Es in­ter­es­siert euch ja auch nicht. Es wür­de die Sto­ry ka­putt ma­chen. Es wür­de Un­vor­ein­ge­nom­men­heit er­for­dern. Re­cher­chen. Hand­werk. Un­denk­bar in Zei­ten jour­na­lis­tisch vor­ge­gar­ter Halb­fer­tig­pro­duk­te. Schon die Be­grif­fe UNS und WIR sind euch ein Buch mit sie­ben Sie­geln. Ihr kennt nur das ICH und den Bei­fall des Jus­te Mi­lieus fürs Un­ter­mau­ern der ei­ge­nen mo­ra­li­schen Selbst­über­he­bung.

Nichts wisst ihr von den Dresd­nern, de­ren El­tern und Groß­el­tern hier ein Kriegs­in­fer­no son­der­glei­chen über­lebt ha­ben oder in ihm zum Op­fer wur­den. Kei­ne Ah­nung habt ihr von dem hier ins kol­lek­ti­ve Ge­dächt­nis ge­brann­ten Feu­er­sturm, den Bil­dern der voll­stän­dig zer­stör­ten Stadt, von un­se­rer tat­säch­li­chen in­ne­ren Di­stanz zu Krieg, Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und staat­lich fi­nan­zier­ter Pro­pa­gan­da. Kei­ne Ah­nung von un­se­ren sehr le­ben­di­gen Er­fah­run­gen mit den An­zei­chen de­ge­ne­rier­ter Macht­ap­pa­ra­te, die ein Kli­ma der Angst schaf­fen, pri­mi­ti­ve Feind­bil­der kre­ieren und je­de Kri­tik un­ter­drü­cken. Null Plan habt ihr da­von, was es heißt, ge­gen Kar­tel­le In­for­ma­tio­nen aus­zu­tau­schen, den Kopf oben zu be­hal­ten, Deu­tungs­ho­hei­ten zu er­ken­nen und auf­zu­bre­chen. Un­se­re Mo­ral­vor­stel­lun­gen ba­sie­ren auf Ge­schich­te, nicht auf Ge­schich­ten.

Rechts­ex­tre­mis­mus und Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, das we­nigs­tens ha­ben wir bis zum Er­bre­chen ge­hört im Os­ten, sind zwei Sei­ten der sel­ben Me­dail­le. Rechts­ex­tre­mis­mus – das sind die Hit­ler­fans, das heißt Ex­pan­si­ons­krieg, Volk oh­ne Raum, Eu­tha­na­sie, Ju­den­ver­nich­tung. Das al­so seht ihr bei uns auf­zie­hen? Na­zis, lie­be Ge­schich­ten­er­zäh­ler, er­kennt man nicht an ih­rem Wohn­ort. Son­dern an ih­ren Me­tho­den. Der Schwar­min­tel­li­genz näm­lich, der Gleich­schal­tung der Mei­nun­gen, der Un­ter­wür­fig­keit, der Ge­walt­be­reit­schaft ge­gen­über An­ders­den­ken­den, dem Er­set­zen von Ar­gu­men­ten durch Hy­per­mo­ral, der De­nun­zia­ti­on Un­schul­di­ger, dem Leug­nen und Fäl­schen von Fak­ten, der Phra­sen­dre­sche­rei. Ihr selbst seid die Hand­lan­ger der Ideo­lo­gie, die ihr zu be­kämp­fen vor­gebt.

Was ihr eben­so nicht ahnt – Dres­den ist er­heb­lich mehr als die mit­un­ter un­ge­ho­bel­te mon­täg­li­che Em­pö­rung von Vor­städ­tern, die ihr so gern für eu­re Schmäh­schrif­ten ver­wurs­tet. Dres­den ist wa­cher Ver­stand, po­li­ti­sche Sen­si­bi­li­tät und wach­sen­der Zu­sam­men­halt in schwie­ri­gen Zei­ten. Dres­den ist ei­ne freund­li­che und welt­of­fe­ne Stadt, mit sehr ho­hem durch­schnitt­li­chen Bil­dungs­ni­veau und ei­nem re­gen In­ter­es­se sei­ner Bür­ger an Stadt­ent­wick­lungs­po­li­tik. Wir sind Ge­bur­ten­haupt­stadt. Wir wis­sen sehr ge­nau, was wir zu ver­lie­ren ha­ben. Auch weil wir se­hen, was in Städ­ten pas­siert, die seit Jahr­zehn­ten glau­ben, ihr Schick­sal dem Zu­fall über­las­sen zu kön­nen und nun zu un­be­herrsch­ba­ren stei­ner­nen Fa­ve­las ge­wor­den sind. Nein, ihr wohnt da nicht, da gibts nicht zu be­rich­ten. Ge­hen sie wei­ter!

Ihr kennt zwar vie­le, eben­so Stadt ge­nann­te, ur­ba­ne Sam­mel­plät­ze in der Welt, aber ei­nen Ort wie Dres­den wer­det ihr nie be­grei­fen. Es wird euch ein Buch mit sie­ben Sie­gel blei­ben, wel­cher Geist in die­ser Stadt herrscht, die nach der Aus­lö­schung im Krieg aus Trüm­mern wie­der­ent­stand, vier­zig Jah­re düs­te­re so­zia­lis­ti­sche Ex­pe­ri­men­te über­lebt hat und nun er­neut an­ge­grif­fen wird. In die­ser un­se­rer Stadt wer­den es des­halb staats­hö­ri­ge Schrei­ber­lin­ge wie ihr noch sehr lan­ge schwer ha­ben. Wenn ir­gend­wo in Deutsch­land in ein paar Jah­ren noch Licht brennt, dann hier. Die­se Stadt ist für Hun­der­tau­sen­de Dresd­ner et­was, das ihr nie ha­ben, nie füh­len und nie aus­spre­chen wer­det: Hei­mat.

Au­tor: Roc­co Burg­graf

Links:
Ab­sur­de Auf­re­gung um Pe­gi­da-Mann mit Hut (NZZ)
Wendt: Po­li­zei­be­am­ten ha­ben sich kor­rekt ver­hal­ten (Welt)
Fron­tal 21: Was in Dres­den pas­siert ist (ZDF)

Bil­der:
– Ber­nar­do Bel­lot­to [Pu­blic do­main], via Wi­ki­me­dia Com­mons
– (Bun­des­ar­chiv, Bild 183‑1990-0516–011 / Hie­kel, Mat­thi­as / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de], via Wi­ki­me­dia Com­mons)
– By Geo-Lo­ge (crea­ted and edi­ted by mys­elf) [GFDL, CC-BY-SA-3.0 or CC BY-SA 2.5 ], via Wi­ki­me­dia Com­mons
– Bun­des­ar­chiv, Bild 183-Z0309-310 / G. Bey­er / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de], via Wi­ki­me­dia Com­mons
– By Av­da [CC BY-SA 3.0 ], from Wi­ki­me­dia Com­mons

 

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8 Kommentare

  1. Schön, wie man sich hier wie­der als Op­fer sti­li­siert, Städ­te wie Leip­zig oder Mün­chen ha­ben Pegida/​Legida ja auch wei­test­ge­hend un­be­scha­det über­stan­den, weil die Men­schen dort deut­lich auf die Dis­kre­panz zwi­schen of­fi­zi­el­len For­de­run­gen (ei­ne is­la­mi­sie­rung des Abend­lands mag ja ver­mut­lich nur ei­ne ver­schwin­dend ge­rin­ge Zahl der in Deutsch­land le­ben­den Men­schen gut­hei­ßen) und den tat­säch­lich ge­for­der­ten Din­gen hin­ge­wie­sen ha­ben, nur die Dresd­ner sa­hen sich wie­der als Op­fer de­rer, die eben das an­ge­merkt ha­ben. Da hilft auch ein trot­zi­ger Ar­ti­kel nichts, auch wenn dar­in ent­hal­ten ist, das Dres­den wie vie­le an­de­re Städ­te auch im 2. Welt­krieg bom­bar­diert und Scha­den ge­nom­men hat. AUCH Scha­den ge­nom­men hat!

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  2. Zeitgeistkritik26. August 2019 um 19:41

    Groß­ar­ti­ger Bei­trag, der das Den­ken und Füh­len der meis­ten (!) Dresd­ner auf den Punkt bringt. (Er­in­nert sei hier an die sei­ner­zeit schnell wie­der ge­lösch­ten Um­fra­ge des mdr bei “hier ab 4” we­gen “un­pas­sen­den” Er­geb­nis­ses: “Glau­ben Sie, dass PE­GI­DA der Stadt Dres­den scha­det?” Er­geb­nis nach rund 10 000 An­ru­fern in nur 30 Mi­nu­ten: 92 !!! Pro­zent fan­den NEIN). Im üb­ri­gen spricht das Luft­bild vom Ab­schluss­kon­zert der “unteilbar”-Demo am letz­ten Sams­tag Bän­de. Da war sehr viel Platz auf der “Cocker”-“Wiese” und das bei gra­tis Ein­tritt und al­ler­bes­tem Wet­ter. 😉 Da­zu wur­den die Be­rufs­de­mons­tran­ten noch aus 50 (!) Städ­ten Deutsch­lands nach Dres­den her­an­ge­karrt, wie mdr im Sach­sen­spie­gel 19 Uhr aus­plau­der­te (das gibt be­stimmt Är­ger, weil an­ge­sichts SOL­CHEN Auf­wan­des das Er­geb­nis ja noch viel lä­cher­li­cher war. Die DRESD­NER dürf­ten wohl bei dem links­las­ti­gen Spek­ta­kel klar in der Min­der­heit ge­we­sen sein, weil sie, wie Sie rich­tig fest­ge­stellt ha­ben, ge­nau wis­sen, was von sol­cher­art Pro­pa­gan­da zu hal­ten ist. Nein, wir las­sen uns nicht die But­ter vom Brot neh­men. Nicht vom Is­lam und auch nicht von al­len, die gar nicht ge­nug da­von be­kom­men kön­nen, ob­wohl die Er­geb­nis­se sol­cher “Lieb­ha­be­rei” täg­lich ver­hee­ren­den wer­den. Mö­gen sie ihn dort be­hal­ten, wo sie ihn so lie­ben. Wir kom­men gut oh­ne ihn aus. Ihn nicht zu ha­ben oder ihn nicht “in­te­grie­ren” (was schlech­ter­dings un­mög­lich ist) zu müs­sen, ist kein Ver­lust.

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  3. Frank Geißler26. August 2019 um 14:37

    Ges­tern, 25.08. 2019 nach der AfD-Großveranstaltung:Ein re­prä­sen­ta­ti­ver Rund­gang durch die In­nen­stadt be­wies uns an­hand vol­ler Stra­ßen, daß das in­ter­na­tio­na­le In­ter­es­se an der Kunst-und Kul­tur­stadt rie­sen­gro8 ist.

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  4. […] Grif­fel weg von Dres­den! […]

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  5. Dan­ke für die­se kla­ren Wor­te, die schon lan­ge über­fäl­lig wa­ren. Scha­de nur, dass das Po­li­tik-Me­di­en-Kar­tell dies we­der wahr­neh­men will, noch ver­ste­hen kann. Aber WIR wer­den im­mer mehr. Herz­li­che Grü­ße aus dem Erz­ge­bir­ge.

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  6. Dan­ke für die­sen Kom­men­tar! Er geht un­ter die Haut…

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  7. Marypoppinsdd25. August 2018 um 13:34

    So und nicht an­ders sieht’s aus. Nie wer­den sie uns ver­ste­hen kön­nen. Auch wir ha­ben hier ein ganz paar knall­köp­fe… U trotz­dem hal­ten wir zu­sam­men. Das ist das wich­tigs­te über­haupt! Lie­be grü­ße an al­le dresd­ner, die das im her­zen füh­len

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  8. Ab­so­lut auf den Punkt ge­bracht! DAN­KE
    Wir kön­nen nur noch auf ei­nen Zu­sam­men­bruch durch Aus­sen­er­eig­nis­se hof­fen (EU, Eu­ro…)

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