Staats­recht­ler Ru­pert Scholz schlägt Grund­ge­setz­än­de­rung beim Asyl­recht vor

In ei­nem auf ‘Welt+’ er­schie­ne­nen Ar­ti­kel mit dem Ti­tel „Die­ses deut­sche Asyl­recht ist nicht län­ger hin­nehm­bar“ schlägt Staats­recht­ler Ru­pert Scholz vor, das ak­tu­ell gel­ten­de Asyl­recht mit wei­te­ren recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen zu ver­knüp­fen. Ins­be­son­de­re for­dert er, dass Asyl nicht län­ger ein sub­jek­ti­ver Rechts­an­spruch sein dür­fe, son­dern zu ei­ner ob­jek­tiv-recht­li­chen Re­ge­lung wer­den müs­se. Dies wä­re mög­lich, wenn die der­zei­ti­ge For­mu­lie­rung „Po­li­tisch Ver­folg­te ge­nie­ßen Asyl­recht“ im Grund­ge­setz (Ar­ti­kel 16a, Ab­satz 1) in „Po­li­tisch Ver­folg­ten wird nach Maß­ga­be der Ge­set­ze Asyl ge­währt“ ge­än­dert wer­de, wie dies bei­spiels­wei­se der Frei­staat Bay­ern vor­ge­schla­gen ha­be (sie­he Ar­ti­kel im Ma­ga­zin ‘Jun­ge Frei­heit’).

Die Grenz­öff­nung im Herbst 2015 be­zeich­net er im glei­chen Ar­ti­kel als to­tal halt­los und ver­fas­sungs­wid­rig. Denn nach der in 2015 und auch ak­tu­ell noch gel­ten­den Rechts­la­ge dür­fe nie­mand in Deutsch­land Asyl be­an­tra­gen, der aus ei­nem an­de­ren EU-Mit­glieds­land oder ei­nem si­che­ren Dritt­staat nach Deutsch­land ge­kom­men sei (sie­he Ar­ti­kel 16a, Ab­satz 2 des Grund­ge­set­zes und das gel­ten­de EU-Recht).

Ru­pert Scholz war von 1972 bis 2005 or­dent­li­cher Pro­fes­sor für Öf­fent­li­ches Recht be­zie­hungs­wei­se Staats- und Ver­wal­tungs­recht und von 1988 bis 1989 Bun­des­mi­nis­ter der Ver­tei­di­gung (CDU).

Des Wei­te­ren weist Scholz dar­auf hin, dass die mo­men­ta­ne Re­ge­lung des Asyl­rechts „jähr­lich hun­dert­tau­send­fach miss­braucht“ wird: „Wenn ein Asyl­be­wer­ber man­gels po­li­ti­scher Ver­fol­gung ab­ge­lehnt wird, so pflegt er zu­neh­mend die Ver­wal­tungs­ge­rich­te an­zu­ru­fen, um dort ent­we­der doch Asyl zu er­hal­ten oder – zu­min­dest – über jah­re­lan­ge Ver­fah­ren im Er­geb­nis als ‚ge­dul­de­ter‘ Flücht­ling doch in Deutsch­land blei­ben zu kön­nen.“

Miss­brauch des Asyl­rechts von Asyl­be­wer­bern, Po­li­ti­kern und Ak­ti­vis­ten

Al­ler­dings wird das deut­sche Asyl­recht kei­nes­wegs nur von Asyl­be­wer­bern miss­braucht, son­dern von po­li­ti­schen Ak­ti­vis­ten und sons­ti­gen In­ter­es­sen­ten eben­so, zum Bei­spiel all je­nen, die frü­her Vence­re­mos san­gen oder Ho-ho-ho-Chi-Minh skan­dier­ten und neu­er­dings die Lie­be zum Is­lam ent­deckt ha­ben, aber auch von der Pro-Asyl-Be­we­gung. Bei­spiels­wei­se schreibt der zur Chef­re­dak­ti­on der Süd­deut­schen Zei­tung ge­hö­ren­de Jour­na­list He­ri­bert Prantl in sei­nem Buch ‘Im Na­men der Mensch­lich­keit. Ret­tet die Flücht­lin­ge!’ über die An­stren­gun­gen und Schwie­rig­kei­ten der Asyl­be­wer­ber, auf den ver­schie­de­nen Flucht­rou­ten nach Eu­ro­pa und Deutsch­land zu ge­lan­gen (Prantl, He­ri­bert (2015): Im Na­men der Mensch­lich­keit. Ret­tet die Flücht­lin­ge! Ber­lin, Ull­stein, S. 13): „Wer es trotz­dem schafft, hat sei­ne ge­setz­lich an­ge­ord­ne­te Il­le­ga­li­sie­rung fak­tisch durch­bro­chen und hät­te ei­ne Be­loh­nung ver­dient: sei­ne Le­ga­li­sie­rung.“

Das ist si­cher­lich auch ein Stand­punkt, al­ler­dings kei­ner, der in ir­gend­ei­ner Wei­se mit un­se­rer Rechts­ord­nung ver­ein­bar wä­re. Zu­dem ent­stammt das Wort Il­le­ga­li­sie­rung im ge­ge­be­nen Kon­text links­ex­tre­mem Ge­dan­ken­gut. Prantls Äu­ße­rung igno­riert, dass un­se­re frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­sche Ge­sell­schafts­ord­nung auf dem Prin­zip der Un­ver­letz­lich­keit in­di­vi­du­el­ler Ver­fü­gungs­rech­te an Res­sour­cen be­ruht. Ein sich oh­ne aus­drück­li­che Er­laub­nis auf ei­nem Pri­vat­grund­stück auf­hal­ten­der Dieb ist da­mit aber noch kei­nes­wegs als Mensch il­le­gal, son­dern er hält sich dort le­dig­lich il­le­gal auf. Ähn­li­ches gilt für ei­nen Asyl­be­wer­ber, der zu­nächst durch zahl­lo­se si­che­re Län­der ge­wan­dert und schließ­lich in das Staats­ge­biet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (an dem die­se selbst­ver­ständ­lich die Ho­heits­rech­te be­sitzt) oh­ne aus­drück­li­che Er­laub­nis (Auf­ent­halts­ti­tel) vor­ge­drun­gen ist: Sein Auf­ent­halt ist il­le­gal, er selbst als Mensch na­tür­lich nicht.

Zu­wan­de­rung als ‘Recht des Stär­ke­ren’

Dies sieht im Üb­ri­gen nicht ein­mal die All­ge­mei­ne Er­klä­rung der Men­schen­rech­te der Ver­ein­ten Na­tio­nen an­ders, de­ren Ar­ti­kel 13 zwar je­dem Men­schen ein Aus­wan­de­rungs­recht, je­doch kein ge­ne­rel­les Ein­wan­de­rungs­recht zu­ge­steht: „Je­der hat das Recht, sich in­ner­halb ei­nes Staa­tes frei zu be­we­gen und sei­nen Auf­ent­halts­ort frei zu wäh­len. Je­der hat das Recht, je­des Land, ein­schließ­lich sei­nes ei­ge­nen, zu ver­las­sen und in sein Land zu­rück­zu­keh­ren.“

Nach­trag: Ähn­lich wie Ru­pert Scholz sieht es auch der AfD- Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Nor­bert Klein­wäch­ter in sei­ner Re­de vom 19.04.2018 im Bun­des­tag wäh­rend der ‘Ak­tu­el­le Stun­de’ zum UN-Re­gel­werk ‘Glo­bal Com­pact for Mi­gra­ti­on’ an­läss­lich der Ent­schei­dung der Bun­des­re­gie­rung, wei­te­re 10.200 Men­schen aus Afri­ka nach Deutsch­land um­zu­sie­deln: ‘Mi­gra­ti­on ist kein Recht … Je­der hat das Recht, in das Land sei­ner Staats­bür­ger­schaft zu­rück­zu­keh­ren – in ein an­de­res Land auf­ge­nom­men zu wer­den, ist hin­ge­gen ein Pri­vi­leg.’ (»Er­satz­link)

Zu­dem könn­te Prantls An­sin­nen als ei­ne Form des So­zi­al­dar­wi­nis­mus, als Zu­wan­de­rung auf der Grund­la­ge des Rechts des Stär­ke­ren in­ter­pre­tiert wer­den: Denn folg­te man sei­nem Vor­schlag, kä­men in ers­ter Li­nie nicht die, die es am nö­tigs­ten hät­ten, son­dern vor al­lem je­ne, die die kräf­tigs­ten El­len­bo­gen und das stärks­te Durch­hal­te­ver­mö­gen be­sit­zen. Kein Wun­der, dass Frau­en und Kin­der da­bei den Kür­ze­ren zie­hen und das Re­sul­tat ein ‘Frau­en und Kin­der zu­letzt’ ist. Las­sen wir so et­was zu, set­zen wir un­se­re Zi­vi­li­sa­ti­on aufs Spiel.

Auch in­ter­es­sant:
Ru­pert Scholz zu den Rechts­brü­chen des Mer­kel-Re­gimes

»Er­satz­link

Links:
Rechts­staat au­ßer Kraft ge­setzt (Stutt­gar­ter Zei­tung)
Deutsch? Pech ge­habt (Ach­gut)
Schar­fe Kri­tik an der Asyl­po­li­tik Mer­kels (Cha­ris­ma)

„Die rechts­staat­li­che Ord­nung in der Bun­des­re­pu­blik ist in die­sem Be­reich je­doch seit rund ein­ein­halb Jah­ren au­ßer Kraft ge­setzt und die il­le­ga­le Ein­rei­se ins Bun­des­ge­biet wird mo­men­tan de fac­to nicht mehr straf­recht­lich ver­folgt.“ (Zi­tat aus ei­nem Ur­teil des OLG Ko­blenz)

Gra­fi­ken:
von Of­fi­ci­al U.S. Na­vy Pa­ge from United Sta­tes of Ame­ri­ca U.S. Na­vy photo/U.S. Na­vy [Pu­blic do­main], via Wi­ki­me­dia Com­mons
Bun­des­ar­chiv, B 145 Bild-F078063-0010 / En­gel­bert Rei­ne­ke / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de], via Wi­ki­me­dia Com­mons

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1 Kommentar

  1. Ich den­ke, die groß­zü­gi­ge und ab­so­lut statt re­la­tiv, näm­lich an­ge­passt an die ei­ge­nen Mög­lich­kei­ten, ge­fass­te Asyl­ge­setz­ge­bung hat mit dem Um­stand zu tun, dass vie­le Ver­folg­te des NS-Re­gimes kei­ne Auf­nah­me im Aus­land fan­den. Das woll­te man in der Zu­kunft von deut­scher Sei­te aus bes­ser ma­chen. Das ist zu­nächst ein­mal eh­ren­wert, aber in Zei­ten der neo­li­be­ra­len Glo­ba­li­sie­rung, Mas­sen­mi­gra­ti­on und der Un­ter­wan­de­rung von De­mo­kra­tie durch Wirt­schaft und Lob­by­is­mus un­rea­lis­tisch.

    Dar­über hin­aus gibt es ja auch noch in­ter­na­tio­na­les Recht wie die Gen­fer Kon­ven­ti­on, die wie­der­um et­was an­de­res meint als das Asyl­recht. Die­se ist m.W. eben­falls ab­so­lut ver­fasst und al­so po­te­ti­ell un­rea­lis­tisch, da­mit ge­sin­nungs­ethisch, ver­mut­lich nicht zu­fäl­lig…

    Zu­dem ist das Asyl­recht in­ter­pre­tier­bar. Den­noch wer­den we­ni­ger als 1% der Be­wer­ber als asyl­be­rech­tigt im Sin­ne des in­di­vi­du­el­len Asyl­rech­tes, als des Asyl­rech­tes im en­ge­ren Sin­ne, an­er­kannt. Was deut­sches Recht an­be­langt, kon­kur­riert das Asyl­recht mit an­de­ren Rechts­gü­tern wie et­wa dem Staats­recht, Er­halt von So­zi­al- und Rechts­staat, aber auch mit Men­schen­rech­ten wie dem auf Si­cher­heit, Un­ver­sehrt­heit, Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit, Er­halt der na­tür­li­chen Um­ge­bung etc.. Auch kann ein ge­schwäch­ter, zu­tiefst ge­spal­te­ner oder gar zer­stör­ter Staat we­ni­ger Men­schen oder nie­man­dem mehr Asyl­recht ge­wäh­ren. All dies muss be­dacht wer­den.

    Mer­kels ein­sei­ti­ge Aus­le­gung des Asyl­rech­tes und ihr Miss­brauch die­ses Rech­tes für ih­re of­fen­bar im Hin­ter­zim­mer be­schlos­se­nen be­völ­ke­rungs­po­li­ti­schen Am­bi­tio­nen im Sin­ne ih­rer Vi­si­on ei­nes an­de­ren bzw. ei­nes erst in Eu­ro­pa und dann in der NWO un­ter- bzw. auf­ge­hen­den Deutsch­lands ist in­so­fern ei­ne zu­min­dest ein­sei­ti­ge und da­mit un­zu­läs­si­ge In­ter­pre­ta­ti­on des Rechts. Sie hat­te 12 Jah­re Zeit für ein Ein­wan­de­rungs­ge­setz. Dass sie es nicht ge­macht hat, ist ein In­diz für vor­sätz­li­chen Rechts­bruch durch Er­zeu­gen rechts­frei­er Räu­me wie z.B. das er­satz­lo­se Aus­set­zen von Dub­lin.

    In An­be­tracht des­sen, dass sie auf ih­rem Weg in­zwi­schen die letz­te Ver­blie­be­ne und Ein­zi­ge in Eu­ro­pa und der gan­zen Welt ist (au­ßer viel­leicht Schwe­den) und da­mit ihr ei­ge­nes Volk in gro­ße Schwie­rig­kei­ten bingt, wenn nicht gar zur Schlacht­bank führt, ver­stößt sie in je­dem Fal­le ge­gen das We­sen der Ver­fas­sung, wel­ches mit Si­cher­heit kei­ne sinn­frei­en Op­fer zu­guns­ten von ge­schei­ter­ten Ideo­lo­gi­en ak­zep­tiert, son­dern al­len­falls die Auf­ga­be von et­was Be­stehen­dem zu Guns­ten ei­ner rea­lis­ti­schen Al­ter­na­ti­ve ei­ner Bes­se­ren. Die se­he ich aber weit und breit nicht, schon gar nicht, wenn ich mir die ak­tu­el­le Ent­wick­lung in der Welt an­schaue, wo je­der (Staat), der et­was auf sich und sei­ne Bür­ger hält, in­zwi­schen zu­sieht, wo er selbst (und sei­ne Bür­ger) bleibt und nicht zu kurz kommt.

    Den Vor­schlag von Scholz se­he ich in­so­fern vor al­lem als Ver­such an, Miss­brauch und Über­las­tung des Asyl­rech­ter zu ver­hin­dern. Ob das al­les noch et­was bringt, wird man se­hen…

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